Ian McEwan: Honig

Ian McEwan: Honig

Über Vertrauen unter Freunden und Feinden: Ian McEwan bleibt mit seinem neuen Roman „Honig“ am Puls der Zeit

von Gérard Otremba

Der englische Autor Ian McEwan gehört seit dem Erscheinen seines Debütromans „Der Zementgarten“ aus dem Jahre 1978 zu den wichtigsten angelsächsischen Schriftstellern. Mit wunderbaren weiteren Romanen wie „Unschuldige“, „Schwarze Hunde“, „Liebeswahn“ und „Amsterdam“ bis hin durch das später mit Keira Knightly in der Hauptrolle verfilmte Meisterwerk „Abbitte“ untermauerte der 1948 in Aldershot, Hampshire, geborene McEwan seinen Status als brillanten Erzähler. McEwan zeichnet eine intelligente und flüssig zu lesende Prosa aus, die er mit den nachkommenden Büchern „Saturday“, „Am Strand“ und „Solar“ weiter unter Beweis stellte. In seinem zwölften, von Werner Schmitz übersetzten Roman „Honig“, 2012 im englischen Original „Sweet Tooth“ erschienen, begibt sich der Booker-Preisträger diesmal ins England der Frühsiebziger, in die nahe Post-68er Zeit, in der der kalte Krieg jedoch noch lange nicht zu Ende war. Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 rekrutiert die junge, hübsche, intelligente, aber mittelmäßige Mathematikstudentin Serena Frome für eine mit dem Codenamen „Honig“ betitelte Operation.

Als bekennende Viel- und Schnellleserin zeigt sich Serena Frome als idealer Köder, um den Nachwuchsautor Tom Haley zu infiltrieren. Durch verdeckte Stipendiengelder möchte der MI5 staatsgenehme Schriftsteller und Intellektuelle fördern. Es kommt wie es kommen muss. Serena Frome beginnt eine Affäre mit ihrem „Schützling“ und gerät in einen Strudel aus Misstrauen, Eifersüchteleien und Falschspiel. Selbst beim eigenen Arbeitgeber kann sie bald niemandem mehr trauen und bekommt zu spüren, wie vermeintliche Freunde zu Widersachern werden können. Ian McEwan verpasst seinem Protagonisten Tom Haley eindeutige autobiographische Details und verwebt gekonnt Fiktion mit Realität. Das Ende mag vorhersehbar sein, ein schöner Kunstgriff gelingt McEwan allemal. „Honig“ entwickelt vielleicht nicht den Glanz von „Abbitte“, aber schöne Unterhaltung auf hohem literarischen Niveau bietet McEwans neuer Roman selbstredend. Seine Prosa fließt entspannt durch die Seiten und lädt zum genussvollen Lesen ein. Außerdem erfährt der Leser wie nebenbei diverse Details der damaligen politischen Verhältnisse. Vertrauen unter Freunden und Feinden, ein wieder oder immer noch hochbrisantes Thema, wie die Snowden-Abhör-Affäre zeigt, das Ian McEwan in „Honig“ zum Mittelpunkt macht und somit am Puls der Zeit bleibt.

Ian McEwan:: „Honig“, Diogenes Verlag, Hardcover, 22,90 €, 978-3-257-06874-0

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