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21. Juli 2024Zwei bislang unveröffentlichte Texte der großen Analytikerin Hannah Arendt, die der aktuellen Debatte wertvolle Impulse beisteuern können
von Sebastian Meißner
Beide hier editierten Texte von Hannah Arendt beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit Palästina. Beide Texte waren bislang unveröffentlicht. Dieser Band bietet somit zwei Neuheiten und gleichzeitig wertvolle Einblicke in Arendts Verhältnis zu Israel, Palästina und der Flüchtlingsfrage. Den ersten Text (ein Essay mit dem Titel „Amerikanische Außenpolitik und Palästina“) verfasste Hannah Ahrendt im Jahr 1944, also noch während der Holocaust stattfand, und sollte ursprünglich im Contemporaray Jewish Record der Zeitschrift des „American Jewish Committee“ erscheinen, was jedoch aus unbekannten Gründen nicht passierte. Darin widmet sich Arendt – vier Jahre vor der Gründung des Staates Israel – der Frage nach einer „Heimstätte“ für die Juden im Nahen Osten.
Hannah Arendt bescheinigt Amerika ambivalentes Verhalten
Hannah Arendt zeigt sich darin historisch und politisch in hohem Maße sensitiv und in ihrer Analyse unerbittlich. Sie beruft sich für ihre Argumentation auf die amerikanische Geschichte und leitet daraus Prinzipien für die Politik ab. Amerika sei eine Einwanderergesellschaft; die Bewohner dieses Kontinents stammen aus allen europäischen und den meisten nicht-europäischen Ländern dieser Welt. Dies sei weltweit einzigartig und habe zur Folge, dass jede außenpolitische Frage auch „eine wichtige innenpolitische Spiegelung“ erfahre.
Arendt schreibt: „Jedesmal, wenn eines der vielen Mutterländer der amerikanischen Bevölkerung mit Unterdrückung bedroht war, jedesmal, wenn eines dieser Länder eine wirkliche Freiheitsbewegung entfaltete, hat die amerikanische öffentliche Meinung sich mit der betreffenden Volksgruppe im eigenen Land solidarisiert und die Regierung gezwungen, stärker oder schwächer für die Unterdrückten zu intervenieren.“ In Bezug auf die Juden stellt Arendt aber eine ambivalente Haltung fest: „einerseits die öffentliche Unterstützung für die Jüdinnen und Juden, die sich in einem Überlebenskampf befinden. Auf der anderen Seite der Versuch, die Region im Nahen Osten um Palästina, Bahrain, Kuwait, Jordanien, Ägypten, in ein Gebiet der Ölschöpfung zu verwandeln, das sie zusammen mit den Briten vorantreiben wollen“, wie Herausgeber Thomas Meyer es in einem Interview beschrieb. Arendt sieht hinter dem Zögern der USA ökonomische und politische Interessen, die eine jüdische Staatsgründung in Palästina unmöglich machten.
Eine Sensation
Den zweiten Text („The Palestine Refugee Problem“), vom Herausgeber als „Sensation“ bezeichnet, verfasste Arendt 1958, in jenem Jahr also, in dem politisch und wissenschaftlich die Forderung nach einer dauerhaften Lösung des palästinensischen Flüchtlingsproblems erstarkte. Mit ihm wollte Arendt es offenbar nicht länger bei einer bloßen Analyse der Situation in Israel und den palästinensischen Gebieten und arabischen Ländern belassen, sondern bemühte sich um eine Lösung. Zu diesem Zweck schloss sie sich zum ersten und einzigen Mal mit anderen zusammen. Thomas Meyer kommt zu dem Schluss, dass Arendt mit diesem Text von einer Kritikerin der Verhältnisse zu einer „Denkerin eines stabilen Friedens“ wurde.
1958 veröffentlichte Hannah Arendt gleich mehrere Bücher, die ihre führende Rolle in der politischen Theorie und Philosophie untermauerten. Warum dieser Text nicht publiziert wurde, erläutert Meyer im Nachwort erkenntnisbringend. Eine Veröffentlichung hätte den Diskussionsstand – auch den heutigen – sicher deutlich erweitert und eine Lösung des Konflikts möglicherweise erleichtert. Auch 65 Jahre später sind viele Gedanken darin, gerade weil sie die vielen unterschiedlichen Perspektiven und Bedingungen sorgsam berücksichtigen, die Lektüre wert.
Hannah Arendt: „Über Palästina“, Piper Verlag, übersetzt von Mike Hiegemann, Hardcover, 262 Seiten, 978-349-207319-6, 22 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)




