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27. August 2025Vor zwei Jahren verblüffte der Wahl-Berliner Aiden Berglund aka Grimson mit einem tollen Indiepop-Debüt. Ein neues Minialbum untermauert sein riesiges Talent.
von Werner Herpell
Dieser Bursche ist einfach zum Knuddeln. Musikalisch hochbegabt, bescheiden und zielstrebig zugleich, supersympathisch, sonniges Gemüt. Nach der famosen Talentprobe mit dem mehr oder weniger selbstreleasten, aus Songmaterial seiner Jugendzeit zusammengebauten Debütalbum „Climbing Up The Chimney“ von 2023, auch bei Sounds & Books in höchsten Tönen gelobt als „Sophisticated-Pop-Meisterwerk“, setzt der gebürtige US-Amerikaner Aiden Berglund aka Grimson (ursprünglich mit der skandinavischen Schreibweise Grimsøn gestartet) seinen DIY-Weg in der Berliner Musikszene nun fort.
Sommerlicher Glanz
Zunächst mal „nur“ per 11-Track-EP beziehungsweise 27-Minuten-Minialbum auf Bandcamp, das nicht nur wegen des hübschen Titels „Summertime In Grimsønville“ sommerlich glänzt. Sieben vollwertige Songs und vier kurze, an Jon Brions Filmmusiken erinnernde Instrumental/Sample-Snippets hat der Endzwanziger dafür zusammengestellt – und Berglund kann es sich sogar leisten, das hier im Februar zum „Song des Tages“ geadelte (im Gesamtvergleich aber tatsächlich etwas schwächere) Psychedelic-Rock-Stück „I Made My Therapist Cry Today“ einfach mal wegzulassen.
Was sind das aber auch wieder für schillernde Chamber-Pop-Perlen irgendwo zwischen den Beatles, Harry Nilsson und dem traurigen Nineties-Indiefolk-Genie Elliott Smith (dessen Stimme die von Herrn Grimson durchaus ähnelt). „Definite Yes“ etwa, der erste „echte“ Song des Minialbums, ist von einer so mitreißenden Euphorie, dass man sofort laut „Hit! Hit! Hit!“ rufen möchte – ehe man sich besinnt, dass solche Lieder heutzutage wohl nie und nimmer wirklich Hits werden.
Dezenter Kurswechsel
„Balcony“ ist ein Stück, das Grimsons vor zwei Jahren im S&B-Interview angedeuteten dezenten Kurswechsel weg von der Niedlichkeit anzeigt: smarter Indiepop, bisschen funky, mit klasse Trompetensolo-Verzierung – definitiv eine der seinerzeit angekündigten neueren Grimson-Kompositionen. „Sie haben noch viel mit den älteren Liedern gemeinsam, sind aber stilistisch reifer, die Emotionen sind direkter“, sagte der Songwriter damals. „Die Texte und die Rhythmen sind weniger als wenn man durch einen Wald spaziert – eher als wenn man eine Allee runterrennt.“
Die in Aiden Berglunds Musik immer wieder spürbare, bisweilen hymnisch aufbrandende Melancholie findet sich besonders im zentralen „What Can I Keep?“ – einem Tränenzieher über die Frage, was von einer zerbrochenen Beziehung übrig bleibt. „Ring“ gehört zu den versierten Sixties-Pop-Verbeugungen vor den Fab Four oder Brian Wilson, die man auch auf dem Debüt vor zwei Jahren schon registrierte. Mit dem psychedelischen „Feel Something“ beweist Grimson (der Künstlername stammt von seinem skandinavischen Vater), dass er die Gitarren gern auch mal grungig-rau aufdreht.
Grimson ist gekommen, um zu bleiben
Ans Ende dieser brillanten EP (Minialbum trifft es tatsächlich besser) hat der Wahl-Berliner Singer-Songwriter und Cartoon-Künstler mit „Measure Of A Mum“ ein orchestrales Folkpop-Stück gesetzt, das am bisher stärksten an den großen Elliott Smith gemahnt – und doch ganz selbstbewusst eigen ist. Auch hier wirkt die Produktion üppiger und teurer, als sie bei einem Independent-Musiker ohne großes Label mit folglich begrenzten finanziellen Mitteln vermutlich sein konnte. Der Closer „Wake Up“ ist, dem Titel zum Trotz, eher ein akustisch-balladiges Lullaby. Und natürlich ebenfalls wieder wunderschön.
Nach dem „ersten Meisterstück eines Frühreifen“ (so dieser Schreiber über das Debüt „Climbing Up The Chimney“) beweist Grimson mit „Summertime In Grimsønville“ eindrucksvoll, dass er gekommen ist, um zu bleiben. Als eines der Top-Talente der deutschen Indiepop-Szene – zur Entdeckung freigegeben, jetzt aber wirklich.
Das Minialbum „Summertime In Grimsønville“ von Grimson erscheint am 29.08.2025 zunächst via Bandcamp. (Beitragsbild: Pressefoto, Duchess Box Records)




