Gøhril Gabrielsen: Die Einsamkeit der Seevögel

Gøhril Gabrielsen: Die Einsamkeit der Seevögel

In ihrem Roman „Die Einsamkeit der Seevögel“ setzt sich die norwegische Autorin Gøhril Gabrielsen neben naturwissenschaftlichen Beobachtungen mit menschlichen Bedürfnissen und Emotionen auseinander

Die Protagonistin, eine überzeugte Wissenschaftlerin, erzählt aus der Ich-Perspektive von ihrem Ex-Mann S., der sich in mehreren Textpassagen als gewalttätig zeigt, von ihrer kleinen Tochter Lina und ihrem Geliebten Jo. Sie lässt alle zurück und reist nach Norwegen, wo sie das Verhalten der Seevögel erforschen will. Weit von der Zivilisation entfernt, inmitten eisiger Kälte und wiederkehrender Schneestürme, nimmt sie die Einsamkeit in Kauf, um ihrem Ex zu entfliehen und auf ihren Geliebten zu warten. Während die Tage vergehen und Jo seine Ankunft wegen seiner Tochter immer weiter hinauszögert, hinterlässt das Leben in Einsamkeit Spuren: Die Protagonistin verliert sich in Fantasien und Geschichten, die sich in der Vergangenheit abspielen, bis sie nicht mehr zwischen Vorstellung und Realität unterscheiden kann.

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Gabrielsen Die Einsamkeit der Seevögel Buchcover Insel Verlag

Gabrielsen jongliert geschickt mit verschiedenen Erzählebenen: den Einblicken in die Vergangenheit der Protagonistin, der tragischen Geschichte einer Familie, die einst an dem Ort der Forschung lebte, und der Gegenwart, in der sich die Wissenschaftlerin ihrer Forschung widmet. Neben kurzen Abschnitten, in denen es um ihre Beobachtungen geht, werden alltägliche Handlungen geschildert oder Themen wie Menstruation und Sexfantasien eingebunden, ohne diese zu tabuisieren. Wiederholt werden Verantwortungsbewusstsein, Selbstverwirklichung und eigene Bedürfnisse gegenübergestellt und die Entscheidung der Protagonistin vonseiten anderer Figuren kritisiert.

Gabrielsen packt ihren Roman mit wichtigen Themen voll

Gabrielsen verarbeitet in „Die Einsamkeit der Seevögel“ relevante Themen, wie sexuelle und psychische Gewalt, Vereinsamung, Mutterschaftsideale und körperliche Bedürfnisse. Viele Gedanken, eingebettet in eine spannende Handlung. Der klare, ungeschmückte Schreibstil, in der deutschen Übersetzung von Hanna Granz, erzeugt in einem Setting aus Naturgewalt und Einsamkeit eine Atmosphäre, die zunehmend bedrohlich und bedrückend wirkt. Die größte Stärke des Romans zeigt sich am Schluss. Ein sehr lesenswerter Roman!

Gøhril Gabrielsen: „Die Einsamkeit der Seevögel“, Insel Verlag, Berlin 2020, übersetzt von Hanna Granz, Taschenbuch, 174 Seiten, 978-3458681212, 10,00 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)

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