Garbage: No Gods No Masters – Albumreview

Garbage: No Gods No Masters – Albumreview

Ein überwiegend großartiges neues Garbage-Album

Garbage, die in der Mitte der Neunziger Jahre geboren wurden, vereinten schon immer Pop-Appeal, Indie-Schrägheit sowie Punk-Attitüde und begeisterten bisweilen damit ihre Anhänger vor allem dann, wenn sie unwiderstehliche Hooks präsentierten; schreckten einen großen Teil des vermeintlichen Zielpublikums jedoch auch ab mit ihrer individuellen Art des Crossover. Das Debüt „Garbage“ (1995) wurde dank seiner Hit-Dichte sowie mitreißender Live-Präsenz dabei noch am ehesten als Konsens-Album gefeiert – bei allen weiteren Tonträgern schieden sich die Geister. Nun erscheint, nach einer fünfjährigen Pause, Album Nr. 7 und polarisiert abermals, wie die Plus/Minus-Kritik im aktuellen Visions beweist.

Garbage brennen für den Inhalt

Doch Zweifler, die Garbage nicht eingelöste Ansprüche vorwerfen oder eben besagte Hooks vermissen, ignorieren Zweierlei: Zum einen, wie sehr das Quartett um Schlagzeuger wie Produzenten-Legende Butch Vig (der nach seiner Arbeit an „Nevermind“ sowieso niemanden etwas beweisen muss) und Sängerin, Texterin und zeitweiliger Schnodderschnauze Shirley Manson für seine Inhalte brennt, sowie die Tatsache, dass ihre Platten so vollgestopft sind mit Material, dass man ebenso gut mit Stücken leben kann, die sich nicht sofort mitpfeifen lassen. Auch „No Gods No Masters“ schreckt diesbezüglich zum Teil ab und macht das Durchhören anfänglich nicht unkompliziert; mit der Zeit entfalten die Soundspielereien und Atmosphärenwechsel jedoch durchaus ihre Wirkung. So war es meist bei den älteren Werken, so ist es auch in diesem Fall.

Moshpit-Live-Material vom Feinsten

Garbage No Gods No Masters Cover BMG

Der Einstieg mit „The Men Who Rule The World“ gerät schon mal leicht vertrackt, mit Videospielsounds aus grauer Vorzeit und einer dezenten Wavegitarre vor stampfenden Rhythmus, leicht funky, jedoch nicht unbedingt tanzbar. Manson kotzt sich dabei aus über die alles bestimmenden Männer auf der Welt, „Hate The Violaters, Destroy The Violaters“ gibt sie uns mit, während die Gitarre forscher anschlägt – und sie hat natürlich Recht damit. „The Creeps“ knallt noch einen drauf, ein trotziges Stück Selbstbehauptung – die leicht cheesigen Keys im Hintergrund kontrastieren dabei die fordernden Riffs. Stillsitzen wird schwerer: das ist Moshpit-Live-Material vom Feinsten. Muss zugeben, wie sehr mich Mansons Vortrag dabei anmacht, sie gibt dabei nicht nur sich selbst „The Creeps“, sie könnte mit ihrer Sangeskunst und Ausstrahlung alles verkaufen. Naja, fast.

Verzweiflung über den Zustand der Welt

„Uncomfortably Me“ unterbricht den Sog etwas. Manson berichtet davon, wie es ist, sich als Außenseiter zu fühlen, schafft mit ihrer Verletzlichkeit dabei aber genau das Unbehagen beim Hören, das sie zu illustrieren versucht. „Wolves“ danach ist laut Eigenaussage der Band der „Popsong der Platte“ und klingt nach einer Fusion der eigenen Trademark-Sounds mit zeitgemäßem Indie-Rock – ist dabei allerdings (in meinen Ohren) der ziemlich egalste Track der Scheibe. Was aber ebenso egal ist, weil es ansonsten durchweg faszinierend weiter geht. „Waiting For God“ beschreibt Mansons Verzweiflung über den Zustand der Welt, die Soundkulisse gerät dabei sphärisch und trippy. „Godhead“ führt die Verzweiflung weiter ins Aggressivere: Discofutter mit Rockriffs, Manson zelebriert ihre gesamte Ausdruckskraft vor einem 90er-Industrial-Pop-Stampfer, der trotzdem zeitgemäß klingt. Auch ein Kunststück, irgendwie.

Man möchte Garbage nicht zu seinen Feinden haben

Dem Hedonismus wird in „Anonymous“ weiter gehuldigt, einem Song, der ebenso zu Kylie Minoque passen würde, wäre sie etwas weniger lieb. Rachephantasien werden gesponnen in „A Woman Destroyed“ –  sehr überzeugend, ich möchte Shirley Manson und ihre Jungs nicht als Feinde haben. Weniger creepy, recht flockig sogar das von Liz Phair beeinflusste „Flipping The Bird“, Shirley Manson findet dabei eine weitere Vortragsweise während ihre Mitstreiter ein 80er-Flair heraufbeschwören, das auch den anarchistischen Slogan „No Gods No Masters“ später illustriert. Das erhoffte Cover des gleichnamigen Stückes von Arch Enemy ist das also (leider) nicht, die Gedanken dahinter sind jedoch sehr ähnlich.

Garbage wollen die Welt zu einem besseren Ort machen

Ein absolutes Highlight ist das Schlussstück „This City Will Kill You“ mit seinem Noir-Feeling, lasziv und bedrohlich verabschiedet sich die Formation dabei nach knapp 50 Minuten, wenn man sich nicht die Deluxe-Ausgabe gönnt mit einem weiteren Silberling. Garbage melden sich also zurück, mit einer wie immer sehr diversen Scheibe und mit nichts weniger als dem Anspruch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das ist aller Ehren wert und klingt mit ein bisschen Höreinsatz auch überwiegend großartig. Schön, dass sie wieder da sind.

„No Gods, No Masters“ von Garbage erscheint am 11.06.2021 bei BMG / ADA / Warner. (Beitragsbild von Maria Jose Govea)

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