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17. Juli 2025Gabriel Yoran legt mit „Die Verkrempelung der Welt“ ein kluges Buch über kaputten Fortschritt und geplante Verschlechterung vor
von Sebastian Meißner
Warum wird eigentlich alles schlechter? Diese Frage schleicht sich in vielen Köpfen ein, wenn der neue Herd komplizierter, der Toaster fragiler und der Wasserkocher lauter ist als das Vorgängermodell. Gabriel Yoran gibt diesem Frust in „Die Verkrempelung der Welt“ endlich einen Namen – und eine schlüssige, tiefgreifende Erklärung. „Verkrempelung“ nennt er das Phänomen, wenn Dinge nicht mehr dem Menschen dienen, sondern den Marktzwängen. Touchpads, die sich mit feuchten Fingern nicht bedienen lassen, austauschbare Plastikgehäuse, funktionsüberladene Apps: Fortschritt als Rückschritt.
Yoran zeigt, wie Produzenten unter wachsendem Kostendruck immer billigere Materialien verwenden – und das Ergebnis dann mit dem Etikett „Next Gen“ verkaufen. Der Touchscreen am Herd ist kein technisches Upgrade, sondern vor allem günstiger herzustellen als der gute alte Drehknopf. Die echte Verschlechterung wird dann durch Erzählungen von smarter Zukunft und schicker Innovation kaschiert – ein Theater des Fortschritts, bei dem die Bühne längst einstürzt.
Kaputt ist ökonomisch
Die zentrale These ist bitter, aber überzeugend: In unserer kapitalistischen Logik kann ein dauerhaft gutes Produkt gar nicht existieren. Denn ein Produkt, das nicht ersetzt werden muss, bringt keinen wiederkehrenden Umsatz. Gabriel Yoran belegt das nicht nur an Alltagsbeispielen, sondern auch historisch: Noch Anfang des 20. Jahrhunderts war Langlebigkeit ein Ideal – etwa im Werkbund, wo Industrie, Design und Kunst für Qualität zusammenarbeiteten. Heute ist so etwas ökonomisch kaum mehr tragfähig.
Yoran schreibt dabei nicht nostalgisch oder altmodisch. Er seziert auch die neue Sehnsucht nach Authentizität – etwa in der Luxuswelt von Manufactum oder bei handgefilzten Designobjekten, die sich nur Besserverdienende leisten können. Das, so Yoran, ist kein Ausweg, sondern eine neue Spielart des Konsumwahns mit edlerem Etikett.
Ein Buch wie ein Stiftung-Warentest-Bericht mit Haltung
Was Gabriel Yoran besonders lesenswert macht, ist sein Ton: Er ist witzig, pointiert, manchmal sarkastisch – etwa wenn er seinen täglichen Duschschlauchkampf schildert – aber nie oberflächlich. Seine Kritik trifft nicht die Konsumenten, sondern die Hersteller und ihre Systeme. Und als jemand, der selbst Start-ups gegründet hat, weiß er, wovon er spricht. „Die Verkrempelung der Welt“ ist damit kein kulturpessimistischer Rant, sondern eine höchst unterhaltsame und kluge Streitschrift über die Grenzen des Fortschritts unter Marktbedingungen. Fazit: Ein treffsicheres Buch für alle, die sich schon einmal gefragt haben, warum sie plötzlich wieder mit der Taschenlampe nach dem Einschaltknopf suchen. Und ein wichtiges Plädoyer für echten Fortschritt, der nicht nur aussieht wie einer.
Gabriel Yoran: „Die Verkrempelung der Welt. Zum Stand der Dinge (des Alltags)“, Suhrkamp Verlag, Kartoniert, 185 Seiten, 978-3-518-03002-8, 22 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)





