Fullax: Dann Dann Dann – Albumreview

Fullax: Dann Dann Dann – Albumreview

Fullax bewirbt sich mit ihrem Debütalbum „Dann Dann Dann“ für mehr als nur Bekanntheit

„Heutzutage braucht man kein Album mehr, um als Band bekannt zu werden.“ Das sagt Schlagzeuger Jonas Hoppe im Jahr 2014 einer Lokalzeitung. Die Aussage hat seitdem nicht an Gültigkeit verloren – eher im Gegenteil. Dennoch ist anzumerken, dass sich die zwei Jungs aus der nordhessischen Provinz Spangenberg mit ihrem selbst produzierten Debütalbum „Dann Dann Dann“ ausdrücklich für mehr als nur Bekanntheit bewerben. Denn mit den elf sich darauf befindenden Liedern liefert Fullax eine Menge gute Gründe, die mit eindringlichen Texten bespickte Indie-Musik aus Nordhessen häufiger auf den Plattenteller zu legen.

Ein Album in Eigenregie 

Das Indie-Duo Fullax, bestehend aus Sänger und Gitarrist Julian Giese sowie Schlagzeuger Jonas Hoppe, brauchte letztlich drei Jahre um das Album „Dann Dann Dann“ fertigzustellen. Der kreative Prozess und die Entscheidung nicht nur die Produktion, sondern auch den Mix in Eigenregie durchzuführen, seien die Gründe für die längere Dauer gewesen. Nachdem sie bereits 2012 nach halbjähriger Existenz den Entschluss gefasst hatten ein Album zu produzieren, haben sie nun über die Jahre hinweg genug Songs geschrieben, um mit ihnen eine ganze Platte füllen zu können. Die Scheibe beginnt mit dem ruhigen Intro „1000 Karat“, bevor in „Scary“ der lässig gespielte Bass ertönt und die Stimme von Sänger Julian Giese sowie Hi-Hat-Hits den Rhythmus wunderbar ergänzen. Das Zusammenspiel aus Synths und funky Gitarre funktioniert hier ebenso gut wie die präsenten Drums und Einwürfe von Bass und Gitarre bei dem mit Streichern beginnenden „Egal“. 

Authentische Musik aus Nordhessen von Fullax

Auch in „Nordstadt“ beweisen sich die Studenten mit der Kombination aus Schlagzeug, Gitarre und Bass. Mit Synths erweitert, besingt Giese das Abtrennen von Territorien. Die lockeren Sounds der Gitarre unterstreichen das Leben in der Kasseler Nordstadt. Dort wo die beiden studieren, fühlen sie sich auch am Wochenende wohl: „Weil man in Kassel ja auch so sozialisiert ist. Wir haben mega viele Freunde da, verbringen die Wochenenden dort und gehen in die Mutter“ – eine richtige Institution, in der man sein Bier noch für etwas mehr als einen Euro bekommt. Kassel sei das Vorbild für „Nordstadt“ gewesen „und lässt sich als Metapher auf so vieles übertragen.“ Beim italienischen Part haben die beiden ihrem Bassisten Freiraum gelassen, der spontan seine eigene Interpretation des Liedes einsprach. „Tatsächlich haben wir einfach den Style gefeiert, das italienisch kitschige in den Song zu packen. Es hat einen gewissen Humor und soll es auflockern.“, sagen die beiden Musiker.

Das Wichtige sei der Moment, er habe die Besonderheiten des Lebens

Fullax Dann Dann Dann Cover Rough Trade

Die Symbiose aus Schlagzeug-Fill und sanftem Gitarren-Lick fungiert in „Die Nacht“ als starkes Intro und wird durch das Lied hindurch von Synths und zurückhaltendem Bass begleitet. Die offene Hi-Hat im Chorus verleiht dem Lied Nachdruck. „Das Wichtige ist der Moment. Die Sachen zwischen Studium und Job, man vereist viel. Die Sachen, die dazwischen liegen, die haben die Wichtigkeit und Besonderheit.“, sagen die zwei Jungs im ausführlichen Interview mit Sounds & Books.

Davon handelt „Die Nacht“ – auch wenn man Gefahr läuft am nächsten morgen nichts mehr davon zu haben. Gefahr wird auch im kurzen Track „Absinth“ angesprochen, der mit einem Palm-Muted Riff auf der Gitarre beginnt und seinen Klimax in lauten Sounds und dem sich wiederholenden Gesang „Wir betrinken uns mit Schnaps, Schnaps, Schnaps, Schnaps“ findet. Wenn sie nach Aufhebung der Corona-Einschränkungen wieder live auf Festivals spielen dürfen, freuen sie sich insbesondere auf diesen Track: „Den wieder live spielen zu können, auf Festivals und vor richtig vielen Leuten, da haben wir richtig Bock drauf.“

Ohne dabei zu werten, projizieren Fullax ein Bild der Gesellschaft

Der Titeltrack des Albums „Dann Dann Dann“ gibt mit marschierendem Schlagzeug einen guten Rhythmus vor, der sich auch im Gesang wiederfindet und sich ebenso in den Synths abbildet. Giese singt „wie nice, guck das Meer, das spiegelt sich auf der iPhone-Display Schicht“ und stellt dabei aktuelle Tendenzen in der Gesellschaft fest. Ohne dabei werten zu wollen, finden die Jungs man lebe sehr digital und kommuniziere auch so: „Man kann etliche Kilometer weg sein und mit Skype über Pixel, Einsen und Nullen so viele Emotionen transportieren. Aber eigentlich ist es keine Nähe; nur eine Reproduktion eines Etwas.“ Musikalisch erinnern Synths und Gitarre im Refrain beinahe an Bilderbuch. Gesellschaftliches findet sich auch im synthlastigen „Beverly Hills“, indem man die Frage „Brauch ich Geld oder Dich?“ aus Reflex selber beantworten mag. 

Freundschaften bei einem Eis – oder doch einer Shisha?

„Mein Lifestyle habe ich für Dich konstruiert, ist gefälscht, alles schlecht einstudiert.“ So erklingt es sobald der Bass in „Fake“ mit einsteigt. Es beginnt der Aufbau zum Refrain, Synths steigen mit ein und werden durch präsente Snare-Hits unterstützt. Ein klares Gitarren-Lick, dann wieder die Schläge auf die Snare. Das Lied endet mit tiefen, synthetischen Sounds –   ein gelungenes Auf und Ab. Nicht nur „Fake“, das gesamte Album beweist die musikalische Vielfältigkeit der zwei Musiker. So auch „Shishabars“: Die sanfte Stimme und das Piano-Intro machen den Song zur Ballade des Debütalbums „Dann Dann Dann“. Im Fokus stehen Freundschaften und Orte, an denen man sich an diese erinnert und fortführt.

„Das war für mich immer die Eisdiele“, sagt der Sänger Julian Giese. Warum „Shishabars“ nicht „Eisdielen“ heißt, hat er uns auch erklärt: „Der Begriff Shisha ist irgendwie ein absolut zeitgeistiger Begriff. Wenn auch nicht unmittelbar in unserer Freundesgruppe, aber er steht einfach für einen Ort der Zusammenkunft, des sozialen Lebens und für Freundschaften.“ Klingt zudem auch besser als Eisdielen. „Wahrscheinlich dann doch so wie Udo Lindenberg.“ Der besingt in „Cello“ bekanntlich eigentlich eine Turmspringerin aus seiner Jugend und keine Cellistin, wie es der Titel vermuten lässt.

„Horizont ist was Du brauchst“

Das Finale findet das Debütalbum im Track „Brauner Fluss“. Beginnend mit gefühlvollem Palm-Muting und den fein angespielten Saiten der Gitarre baut sich das Lied mithilfe des in den Fokus rückenden Basses und den Snare-Hits immer stärker auf. Die Saiten der Gitarre werden nicht mehr abgedeckt und die Synths steigen mit ein. „Dein Horizont endet da beim braunen Fluss.“ Die Entwicklungen um Fremdenhass, gerade in den ländlichen Gegenden, werden hier aufgegriffen.

„Ich finde es super wichtig eine Meinung zu haben“, sagt Julian und fährt fort: „Unserer Meinung nach kann das nicht die Lösung sein. Man sollte den Leuten eben doch nochmal mehr zuhören.“ Der Dialog sei wichtig. „Horizont ist was Du brauchst“, wird gesungen. Es sei immer wichtig zu kontrollieren, wie rassistisch man selber und das Umfeld ist, meinen die Beiden. „Dass man auf die Leute zugeht und eben nicht sagt ich zeig den Mittelfinger, dreh mich weg und lasse sie in ihrer Bubble allein.“

Fullax begrenzen sich nicht auf eine Region, ihr Horizont endet vorerst nicht

Fullax hinterlassen mit „Dann Dann Dann“ einen bleibenden Eindruck. Sie sagen, es sei immer das Ziel gewesen die Musik nicht nur auf das nordhessische Spangenberg zu begrenzen – das sollten sie mit ihrem Debütalbum geschafft haben. Sie werden in Zukunft mehr als „drei Zuschauer bei katastrophalen Gigs in Berlin“ auf ihren Konzerte begrüßen dürfen. Dass sie auf „Dann Dann Dann“ so viele gesellschaftliche Themen ihrer Generation angesprochen haben, sei eher beiläufig entstanden. „Wir sind jetzt nicht die, die sich hinsetzen und Texte schreiben und mit diesen appellieren möchten. Außer vielleicht bei ‚Brauner Fluss’ so ein bisschen. Aber es passiert dann und fühlt sich cool an. Es sind irgendwie Zeilen, die die Gesellschaft und die Zeit so widerspiegeln.“ Es wird außerdem nicht nur bei den am 21.08.2020 erscheinenden Zeilen bleiben: Sie nehmen weiter parallel auf und haben vor, im nächsten Jahr wieder etwas zu veröffentlichen. Wir sind gespannt! 

„Dann Dann Dann“ von Fullax erscheint m 21.08.2020 bei Ferryhouse Productions / Rough Trade / Believe Digital. (Beitragsbild: Pressefoto)

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Fullax - Brauner Fluss (Offizielles Musikvideo)

Kommentare

  • Birgit Riedinger-Dippel

    Fulllax ist eine Band aus meiner Heimatstadt Kassel und ich habe sie mehrfach auf meinem BLOG 21900 days and more erwähnt. Sie sind genial. Anders kann man es nicht ausdrücken. Aussergewöhnliche tanzbare Indie-Popmusik mit einfühlsamen Texten. Ein song schöner als der andere. Nich nur BRAUNER FLUSS, sondern auch die songs SCARY und DU BIST MIR EGAL bestechen durch ihren besonderen Stil. Und sind hitverdächtig. Wir freuen uns sehr auf das Album und das Konzert am Wochenende

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