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6. Januar 2026Im Interview mit Sounds & Books spricht Friso über seine beiden EPs, die letzte Tour sowie seine musikalische Entwicklung
Interview, Text und Fotos von Michelle Keßler
Ich treffe Friso einen Tag vor seinem vorletzten Tourstopp in Hamburg zum Interview. Er ist gerade erst von der Show in Köln angekommen. Für mich ist es das allererste Interview überhaupt – entsprechend groß ist die Nervosität. Doch kaum treffen Friso und seine Tourmanagerin ein, ist diese schnell verflogen. Die Stimmung ist entspannt. Wir setzen uns draußen vor eine Bar, und aus dem Interview wird ein lockeres, sehr angenehmes Gespräch. Mit Friso zu reden macht sofort Spaß. Man merkt schnell, dass man mit jemandem spricht, der seine Kunst nicht nur ausübt, sondern wirklich lebt.
Ich habe Friso in diesem Jahr bereits mehrfach live erlebt, doch der Tourstopp in Hamburg sticht besonders hervor. Zum einen, weil es Heimspiel seiner eigenen Tour ist – zum anderen, weil er hier erstmals mit kompletter Band auf der Bühne steht.
Die Hamburg-Show ist bereits vor Tourbeginn restlos ausverkauft. Die Venue, der Bahnhof Pauli, verleiht dem Abend genau die richtige Atmosphäre und fühlt sich wie die letzte fehlende Kirsche auf der Torte an. Schon im Vorfeld ist klar: Dieser Abend wird etwas Besonderes.
Ich durfte Friso und sein Team bereits beim Soundcheck begleiten. Schnell wird deutlich, wie eingespielt, professionell und gleichzeitig familiär die Stimmung untereinander ist – trotz der spürbar steigenden Nervosität. Man fühlt sich sofort willkommen und merkt: Hier stehen keine klassischen Arbeitskollegen zusammen, sondern Freunde, die gemeinsam etwas erschaffen.
Als das Konzert beginnt, zeigt Friso gemeinsam mit seiner Band genau das, was seine Liveshows so besonders macht. Nur wenige Artists besitzen eine derart starke Bühnenpräsenz. Die Stimmung im Raum ist überwältigend. Das Publikum schreit die Texte der Songs förmlich mit. Auf und vor der Bühne sieht man vor allem eines: lachende, bewegte Menschen die Kunst fühlen.
Zwischen den Songs spricht Friso immer wieder wichtige Themen an. Ein Satz bleibt mir dabei besonders im Kopf: „Schafft Raum für Kunst!“ Der Sound mit Band verleiht den Songs eine neue Tiefe. Juri an den Keys und Fridtjof an den Drums spielen mit sichtbarer Freude, während Finn, Frisos Bruder, mit einem riesigen Lächeln im Gesicht fotografiert – eine Energie, die sofort ansteckend wirkt. In jedem Moment spürt man, wie sehr alle Beteiligten für das brennen, was sie tun.
Es ist zwar nicht der Tourabschluss, fühlt sich aber genauso besonders an.



Im Gespräch am Tag vor der Show spricht Friso über die Tour, seine Musik und die Entwicklung der letzten Monate.
Hallo Friso, schön, dass du da bist.
Friso: Danke, freut mich auch.
Über die Tour
Du bist seit einigen Wochen auf deiner ersten größeren Deutschlandtour. Was macht das Gefühl für dich aus – und wie unterscheidet es sich von der letzten Tour?
Friso: Das Gefühl ist extrem gut. Dieses Mal waren viel mehr Leute da und das ganze Setting hat sich einfach größer und professioneller angefühlt. Wir waren mit zwei vollen Sprintern unterwegs, hatten ein großes Team und die Band dabei. Alle sind mit Leidenschaft dabei, teilen die Freude und die Aufregung, und das macht etwas mit dir.
Im Vergleich zu früher ist alles gewachsen: die Städte, die Menschenmenge und auch mein eigenes Selbstbewusstsein. Man merkt plötzlich, dass das Ganze Hand und Fuß hat. Gerade gestern in Köln hatte ich wieder so einen Moment: Vor fünf Monaten standen da 200 Leute, jetzt waren es 400. Das gibt dir wirklich einen Reality-Check und zeigt dir, wie viel sich in kurzer Zeit verändert hat.
Besondere Shows
Du hast in letzter Zeit viele verschiedene Shows gespielt, ob als Support, auf Festivals oder mit eurem Kollektiv tooloudfortheroom. Gab es eine Show, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Friso: Die Tooloud-Bunker-Show im Uebel & Gefährlich war unglaublich. Dass wir diesen Laden als Hamburger ausverkauft haben, ist einfach heftig. Und dann stehst du da mit deinen Freunden, mit denen du das ganze Jahr gearbeitet hast. Das war wie der emotionale Abschluss von allem, was wir zusammen gemacht haben.
Köln gestern war aber auch richtig weit oben. Die Energie dort ist immer besonders.
Was genau hat Köln für dich so besonders gemacht?
Friso: Es war die Kombination aus Energie, Dichte im Raum und meiner eigenen Tagesform. Der Saal war voll, alle standen eng beieinander und hatten einfach richtig Lust. Solche Momente machen eine Show außergewöhnlich, dieses intrinsische Gefühl. Du kannst eine andere superkrasse Show haben, aber wenn du selbst an dem Tag nicht gut drin bist, wirkt es weniger.
Bei tooloud war es die Euphorie aller Beteiligten, dieses Gemeinschaftsgefühl. Auf der Tour kommt dann noch die Band dazu, und das verändert live wirklich alles. Das hebt das Ganze auf eine andere Ebene.
Vom DJ zum eigenen Artist
Du standest jahrelang als Live-DJ auf der Bühne. Wie fühlt es sich an, jetzt unter deinem eigenen Namen aufzutreten? Profitierst du von deiner bisherigen Bühnenerfahrung?
Friso: Absolut. Ich bin wirklich durch die beste Schule gegangen, was Live-Auftritte angeht. Alles war früher extrem durchdacht und perfektionistisch vorbereitet. Diese Struktur jetzt für mich nutzen zu können, ist ein riesiges Geschenk.
Ich weiß, wie es ist, vor vielen Leuten zu stehen, das nimmt viel Nervosität. Trotzdem ist es natürlich etwas ganz anderes, wenn es um deine eigene Musik geht. Aber ich starte nicht bei null, und das erleichtert viel.
Und wie ist es heute mit Lampenfieber?
Friso: Sehr tagesformabhängig. Es gibt Tage, da sind wir super entspannt — und dann, kurz vor der Show, kickt die Aufregung rein. In Köln war ich zum Beispiel super nervös, konnte die letzte Stunde vor der Show nicht stillsitzen. In Erlangen dagegen war die Vorfreude so groß, dass kaum Nervosität da war. Dort war die Crowd kleiner, der Druck geringer. In Köln weiß ich, dass die Leute richtig Bock haben, das potenziert alles.
Die musikalische Entwicklung von Friso
Deine EP „10qm“ erschien im letzten Jahr, „Luft zum Atmen“ dieses Jahr. Wie würdest du die Entwicklung zwischen den beiden Projekten beschreiben?
Friso: Sie sind zwar im gleichen kreativen Fluss entstanden. Aber „Luft zum Atmen“ war etwas freier, wir haben uns mehr erlaubt, längere Songs, ehrlichere Themen, andere Sound-Ästhetiken. Eigentlich wollten wir alte Demos überarbeiten, haben das aber verworfen und komplett neu angefangen. Wir haben Soundstrukturen aufgebrochen, mehr Live-Elemente eingebaut und uns getraut, mehr Ebenen zu schaffen, als wir es zuvor gemacht hatten.
Wie lange habt ihr an beiden EPs gearbeitet?
Friso: „10 qm“ war ein Archivprojekt, alte Demos, die ich schon vor zwei, drei Jahren gemacht hatte und endlich fertigstellen wollte. Für „Luft zum Atmen“ haben wir von Januar bis Mitte März wirklich jeden Tag gearbeitet. Es war sehr intensiv.
„10 qm“ hatte diesen Safe-Space-Charakter: Wir nehmen uns Zeit, fahren weg, lassen alles entstehen. „Luft zum Atmen“ war dagegen richtig strukturiert. Ein Art 9-to-5-Job. Morgens rein, abends raus. Und trotzdem hat gerade dieser Druck uns gutgetan. Wir haben gelernt, wie wir unter Deadlines funktionieren.
Deutsche Texte von Friso
Du hast früher auf Englisch gesungen. Wie war der Schritt zur deutschen Sprache?
Friso: Anfangs hatte ich Angst, Deutsch ist viel intimer, und die Gefahr ist da, kitschig zu werden oder die Coolness zu verlieren. Ich wollte nicht poppig wirken, nicht anecken.
Aber genau zu der Zeit kam richtig gute deutsche Musik raus, die Pop war, aber trotzdem urban klang. Das hat mir gezeigt: Es geht. Und dann kam Deutsch einfach von selbst, ohne dass es mir jemand gesagt hat, ich habe mich einfach hingesetzt und es kam Deutsch raus. Komplett ungeplant.
Dazu kam auch, dass meine Freunde und mögliche Feature-Partner alle auf Deutsch singen, das hat es erleichtert. Ich bin heute super happy über diesen Switch.
EP-Konzept
„10qm“ beginnt mit „Gib mir Luft zum Atmen“ und die neue EP beginnt genau damit. War das geplant?
Friso: Die zwei EPs waren geplant, aber der Titel „Luft zum Atmen“ kam erst später im Prozess. Der nahtlose Übergang war erst nicht beabsichtigt, aber irgendwann machte es komplett Sinn. Ich wollte, dass beide Titel zusammen ein größeres Bild ergeben. Als ich die „10 qm“-EP nochmal hörte, machte es einfach Sinn, die eine EP mit dem Satz ‚gib mir Luft zum Atmen‘ zu beginnen.
Verlust des Musikmaterials
Ihr hattet bei beiden EPs Materialverluste. Wie hat sich das ausgewirkt?
Friso: Bei „10 qm“ war es schlimm, denn wir haben die ganze fertige EP verloren. Wir hatten nur noch eine große Audiodatei und mussten Stück für Stück alles auseinandernehmen und neu interpretieren. Bei „Luft zum Atmen“ war der Crash mitten im Prozess. Das war zwar ärgerlich, aber wir wussten, wie wir damit umgehen müssen. Außerdem waren wir noch nicht fertig und auch noch nicht ganz zufrieden mit dem Projekt und konnten so die Chance nutzen, vieles neu zu denken, ohne uns dabei komplett zu verlieren. Der Zeitdruck war aber größer.
Arbeit mit anderen Artists
Du hast bereits mit verschiedenen Menschen Musik produziert, unter anderem mit Soma, Orbit, Juri oder Sören. Wie läuft dieser Prozess genau ab und wie schafft ihr es, eure Ideen gemeinsam zusammenzubringen?
Friso: Da wir alle befreundet sind, ist der Prozess unglaublich organisch. Wir kennen die Vorlieben, Ideen und Visionen des anderen. Dieses Grundvertrauen ist superwichtig. Man weiß, dass die andere Person nichts macht, hinter dem sie nicht steht. Es fühlt sich eher wie ein Hobby an als ein Job.
Mit neuen Leuten ist es anders. Da muss man sich an den Stil der anderen Person herantasten. Es gibt Menschen, bei denen dieser Sweet Spot sofort da ist, und andere, bei denen man ihn vielleicht nie findet, das hat nichts mit Sympathie zu tun, sondern mit, ob man ein ähnliches kreatives Denken hat.
Wichtig ist immer, dass beide Lust haben, etwas Neues zu schaffen. Lieber gehe ich ohne fertigen Song nach Hause, aber wir hatten eine gute Zeit, als mit einem halbgaren Track, der niemanden glücklich macht.
Traumfeatures
Gibt es jemanden, mit dem du unbedingt mal arbeiten möchtest?
Friso: Was Features generell angeht, finde ich es nicht leicht, das perfekte Match zu finden. Es gibt auf jeden Fall Artists, die ich interessant finde. Entscheidend ist für mich aber, dass sich ein Feature organisch entwickelt und nicht erzwungen wirkt. Für mich sollte ein Feature ergänzend sein und mit Bedacht entstehen – nicht aus Gründen von Reichweite oder Hype, sondern aus einer gemeinsamen emotionalen Ebene. Im besten Fall wird ein Song gemeinsam vor Ort kreiert, damit man die Emotionen des jeweils anderen besser nachvollziehen und musikalisch aufgreifen kann.
Wie Friso zur Musik kam
Wie hat alles für dich angefangen?
Friso: Meine Eltern haben mich schon früh in die musikalische Früherziehung geschickt. Mit fünf habe ich am Glockenspiel angefangen, und als Freunde der Familie dann zufällig ein Klavier übrig hatten, das bei uns landete, ging es richtig los. Mit sechs habe ich Klavierunterricht bekommen und das auch bis ich 18 war durchgezogen.
Mein Musiklehrer hat mich stark geprägt. Er hatte eine unglaubliche Art, Jugendliche, sogar die, die eigentlich keinen Bock hatten, für Musik zu begeistern. Er hat eine Gemeinschaft geschaffen und dadurch einen Raum, in dem Musik Spaß gemacht hat und man gleichzeitig viel über die Theorie gelernt hat.
Ich hatte schon früh Lust, Gefühle in eigener Musik zu stecken. In der klassischen Musik spielst du hauptsächlich nach, und mir fehlte die Möglichkeit, etwas Eigenes auszudrücken. Über meinen Bruder Finn habe ich Leo kennengelernt, der mir die ersten Produktionsskills beigebracht hat. Ab da konnte ich selbst experimentieren und produzieren. In der Corona-Zeit bin ich dann auf Tooloudfortheroom gestoßen, und ab da hat sich alles von selbst entwickelt.
Inspiration
Es ist schön zu sehen, wie eng du und dein Bruder Finn zusammenarbeitest und wie sehr eure Kunst sich gegenseitig beeinflusst. Hast du denn – neben ihm – bestimmte Orte oder Menschen, die dich besonders inspirieren und dir helfen, neue Ideen für deine Musik zu finden?
Friso: Finn beeinflusst mich stark, vor allem, weil er aus einer filmischen Perspektive kommt. Durch seine Sicht entstehen oft Ideen, die ich musikalisch weiterdenken kann. Filme inspirieren mich generell, besonders gute Filmmusik, weil sie so starke Emotionen auslösen kann.
Ich liebe es auch, ganze Alben am Stück zu hören, ohne nebenbei etwas zu machen. Einfach die Musik konsumieren und absorbieren.
Ein großer Teil meiner Inspiration kommt auch aus Gesprächen. Menschen, die selbst Kunst schaffen oder sich intensiv damit auseinandersetzen, bringen oft Ideen hervor, die bei mir etwas anschieben. Oft sind es gerade die Leute, die etwas völlig anderes machen, Fotograf:innen, Filmemacher:innen, Designer:innen. Wenn die ihre Perspektive teilen, entsteht bei mir oft direkt ein Ansatz oder eine Stimmung, aus der später Musik werden kann. Es ist wie eine endlose Kettenreaktion.
Neue Musik von Friso
Deine letzte Single „XO“ ist gerade erschienen. Was erwartet uns als Nächstes?
Friso: Es kommt auf jeden Fall neue Musik. Wir spielen auf der Tour schon ein paar neue Songs. Nach der Tour ist erstmal nichts Großes geplant, weil wir dieses riesige Projekt dann erstmal abschließen. Aber ich spüre jetzt wieder viel Lust, neue Sachen zu machen.
Vor allem habe ich gerade total den Drang, mehr Musik mit anderen Menschen im selben Raum zu erschaffen. Normalerweise sitzt man allein am Laptop, baut eine Spur nach der anderen, erst Melodie, dann Drums, dann Vocals – sehr nacheinander. Durch das Spielen mit der Band auf Tour hat sich mein Blick komplett verändert. Wenn du mit mehreren Leuten zusammenspielst, ist der Song von Anfang an da: Die Drums laufen, jemand spielt Keys, man singt gleichzeitig. Diese Energie ist eine ganz andere.
Selbstwahrnehmung & Fanbase
Wie ist es für dich, inzwischen eine eigene Fanbase zu haben und wirklich Teil der Musikszene zu sein?
Friso: Aktuell muss ich sagen, fühlt es sich gar nicht so anders an als vorher.
Ich habe das Gefühl, dass meine eigene Wahrnehmung mich da manchmal komplett täuscht. Ich denke, dass mich gar nicht so viele Leute auf dem Schirm haben. Das ist zumindest das Bild, das ich im Alltag von mir habe. Und dann bist du plötzlich auf Tour – und bekommst das genaue Gegenteil gespiegelt. Da stehen Leute, die wirklich für dich gekommen sind, deine Texte mitsingen, sich Tickets kaufen und dir danach erzählen, was ihnen deine Musik bedeutet. Das ist für mich oft schwer zu realisieren, weil ich das selbst nicht so wahrnehme.
Und wie ist für dich der Umgang mit Fans?
Friso: In Hamburg werde ich selten angesprochen, was ich total angenehm finde. Aber die Gespräche, die entstehen, bedeuten mir sehr viel. Wenn Leute solche Details erkennen wie die Verbindung zwischen den EPs, das berührt mich total. Es zeigt mir, dass die Menschen die Musik wirklich hören und fühlen, und nicht nur nebenbei konsumieren.
Lieblingssongs von Friso
Michelle: Hast du einen Lieblingssong von dir?
Friso: Es wechselt ständig. „Alles“ gehört schon lange zu meinen Favoriten, weil der Song sich ständig verändert und am Ende wieder schön schließt.
„Swimming Circles“ mag ich sehr, weil ich mich da etwas getraut habe, einen langen Song, etwas anders gedacht. Und live funktioniert er wahnsinnig gut.
„Sad Songs/Winter“ ist mir wichtig, weil nach einer Phase, in der viel Einfluss von Soma drin war, wieder etwas entstehen sollte, das stark nach mir klingt. In „10 qm“ steckt viel meiner eigenen DNA, in „Luft zum Atmen“ mehr von Soma. Bei „Sad Songs“ haben wir bewusst einen Track gemacht, der wieder sehr mein eigenes Gefühl widerspiegelt.
Danke für deine Zeit und deine Ehrlichkeit
Friso: Danke dir.








