Es machen sich Zweifel breit in der Soziologie: Führt die hart erkämpfte Demokratisierung des Wissens etwa ins Verderben?
von Sebastian Meißner
Es ist eine scharfsinnige, ja fast provokante Diagnose, mit der Fran Osrečki sein Buch „Laien. Eine Soziologie des Nichtwissens“ eröffnet: Der Traum einer inklusiven, offenen Gesellschaft, in der alle an allem teilhaben dürfen, hat uns paradoxerweise an den Punkt geführt, an dem tatsächlich alle an allem teilhaben – auch dort, wo sie es vielleicht besser nicht täten. Was als Demokratisierung des Wissens begann, mündet in eine Besetzung vormals klar abgegrenzter Funktionsräume durch die Unkundigen. Osrečki beschreibt dieses Phänomen nicht kulturpessimistisch, sondern mit soziologischer Präzision: Wenn alle mitreden dürfen, verliert Expertise ihre Geltung, und selbst die Demokratie – jene Form kollektiver Selbststeuerung, die vom Vertrauen in die Kompetenz anderer lebt – wird dadurch fragil.
Das Paradox des Wissens
Osrečki entwickelt seine Argumentation aus einer systemtheoretischen Perspektive, die an Niklas Luhmann erinnert, ohne ihn schlicht zu paraphrasieren. Wissen, so lautet eine seiner zentralen Thesen, ist in modernen Gesellschaften kein universelles Gut, das allen gleichermaßen zugänglich sein könnte, sondern ein differenziertes, kontextabhängiges Medium, das in spezialisierten Funktionssystemen – Recht, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik – je eigene Formen annimmt. Diese Systeme existieren gerade deshalb, weil sie einander nicht verstehen: Das wechselseitige Nichtwissen ist Bedingung ihrer Autonomie. Der Laie, so Osrečki, verkörpert in diesem Sinn nicht das Defizit, sondern die Grenze, an der gesellschaftliche Kommunikation produktiv wird.
Indem Osrečki das Nichtwissen theoretisch aufwertet, kehrt er eine verbreitete pädagogische Geste der Gegenwartssoziologie um: Nicht die Aufklärung der Ahnungslosen ist das Ziel, sondern das Verständnis dafür, dass die Ahnungslosigkeit selbst eine gesellschaftliche Funktion erfüllt. Laien müssen nicht verstehen, wie Geldschöpfung, Rechtsprechung oder algorithmische Steuerung funktionieren – sie müssen darauf reagieren, mit Meinungen, Impulsen, Irritationen.
Die Stärke der Sprunghaften
Besonders überzeugend ist Osrečkis Beschreibung der Laien als „unkalkulierbares Publikum“. In einer Zeit, in der politische Strategien, Werbekampagnen und Wissenschaftskommunikation auf Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Evidenz setzen, erinnert er daran, dass Gesellschaft eben nicht vollständig rational steuerbar ist. Laien, so Osrečki, sind stark, weil sie sich entziehen: Sie sind sprunghaft, inkonsistent, unberechenbar. Ihr Nichtwissen schützt sie davor, vollständig in die Logiken der Funktionssysteme integriert zu werden. Hier liegt der vielleicht subversivste Impuls des Buches: Das Nichtwissen ist keine Schwäche, sondern eine Ressource, eine Form gesellschaftlicher Resistenz. Wo alle gezwungen sind, zu wissen, entsteht Anpassung; wo Unwissen zugelassen wird, bleibt Freiheit. Dass Osrečki diese Idee nicht romantisch verklärt, sondern analytisch entfaltet, verleiht seiner „Soziologie des Nichtwissens“ Gewicht.
Politik und Publikum
Rezensent Oliver Weber von der FAZ, der Osrečkis Studie mit sichtbarem Wohlwollen, aber auch kritischem Spürsinn liest, meldet an einer Stelle Einspruch an – und trifft damit den empfindlichsten Punkt des Buches. Wenn Politik, wie Osrečki behauptet, in der Gegenwart zunehmend einem fluktuierenden, „laienhaften“ Publikum gegenübersteht, das nicht mehr über stabile Milieus oder klare Interessen verfügt, dann stellt sich die Frage, ob dieses Nichtwissen hier tatsächlich produktiv wirkt. Weber bezweifelt, dass sich aus der Entgrenzung zwischen politischer Profession und laienhafter Öffentlichkeit eine „Politisierung der Politik“ ergibt; er fürchtet eher den Rückzug ins Beliebige, den Triumph des Populären über das Verantwortliche.
Osrečki selbst scheint diese Spannung zu kennen, aber er löst sie nicht. Seine Stärke liegt nicht in politischer Normativität, sondern in soziologischer Beobachtung. Und so bleibt „Laien“ ein Buch, das weniger Antworten gibt als neue Fragen stellt: über die Zukunft von Expertise, die Rolle des Publikums, und über die paradoxe Ordnung einer Gesellschaft, die sich im Nichtwissen selbst erkennt. Und so ist ein ebenso kluges wie anregendes Buch, das sich mutig einer der Grundfragen moderner Gesellschaften stellt: Wie viel Unwissen kann – oder muss – eine Demokratie ertragen? Osrečki antwortet mit intellektueller Eleganz: mehr, als wir glauben. Seine Verteidigung der Unzuständigkeit ist kein Plädoyer für Dummheit, sondern eine Einladung, die Grenzen des Wissens neu zu denken – und darin die Möglichkeit gesellschaftlicher Offenheit wiederzufinden.
Fran Osrečki: „Laien – Eine Soziologie des Nichtwissens“, Broschur, Suhrkamp Verlag, 336 Seiten, 978-3-518-30080-0, 24 Euro
