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6. Juli 2026Das erste Halbjahr ist vorbei – Zeit für Zwischenbilanzen. Eine alternative Bestenliste mit fast übersehenen Alben, von Richard Neuberg bis Gorillaz.
von Werner Herpell
Viele Dutzend Platten hat Sounds & Books in den ersten sechs Monaten vorgestellt – die für ihn besten würdigt Chefredakteur Gérard Otremba nochmal besonders in seiner verdienstvollen Liste „Alben des Jahres: Halbzeit“. Beim Best-of-Rückblick fallen dem Reviewer dann immer einige sehr starke Scheiben auf, die selbst bei diesem top informierten Online-Magazin zunächst übersehen wurden. Hier also eine alternative Bestenliste mit Kurzreviews zu acht Album-Juwelen, die bei S&B bisher noch nicht besprochen wurden, aber auf keinen Fall fehlen sollten – inklusive hilfreicher Bandcamp- oder Website-Links.
1. Richard Neuberg: The Vine (VÖ 29.05.2026)
Wenn es am Jahresende um die melancholischste, auch schönste Musik geht, die 2026 erschienen ist, dürfte dieses Album auf der Liste ganz weit oben stehen. Denn wie der Brite Richard Neuberg auf „The Vine“ mit elf melodiesatten Liedern, die nicht mehr benötigen als seine warme Baritonstimme, Gitarre und Streicher, die Herzen zu berühren vermag, lässt sich kaum toppen. Dass diese phänomenale Folk-Noir/Artpop-Platte mit den Stil-Koordinaten Leonard Cohen/Nick Drake/Richard Hawley/Nick Cave nie auch nur in die Nähe von Kitsch gerät, ist ein kleines Wunder. Denn Neuberg hätte allen Grund gehabt, auf die Tränendrüse zu drücken, könnte sein erstes Soloalbum wegen gesundheitlicher Probleme doch zugleich das letzte sein. Hoffen wir, dass es anders kommt.
(Beitragsbild: Richard Neuberg, Pressefoto)
2. Seu Jorge: The Other Side (VÖ 08.05.2026)
Als „das ehrgeizigste Projekt seiner internationalen Karriere“ wurde die neue Platte des brasilianischen Superstars in Worldmusic-Fachkreisen bei ihrem Erscheinen im Mai bejubelt. Und tatsächlich ist „The Other Side“ das Opus magnum von Jorge Mário da Silva aka Seu Jorge, der 1970 in den Armenvierteln von Rio geboren wurde und über besagte Fachkreise hinaus durch Soundtrack-Arbeiten wie „The Life Aquatic“ (2005) bekannt wurde. Die elf Songs markieren eine sanfte Abkehr vom rhythmischen Soul-Funk-Samba-Mix, sie erweitern Jorges Sound zu einer orchestralen Hommage an Tropicalia, Bossa Nova und Pop-Jazz. Unter mehreren herausragenden Covers strahlt „River Man“ von Nick Drake besonders hell – nicht zuletzt durch den Co-Gesang von Beck.
3. Present Nature: Present Nature (VÖ 20.03.2026)
Im Sub-Genre „Sophisticated Pop“ gibt es immer wieder gar wunderbare Entdeckungen. Die Fan-Schar ist zwar nicht riesengroß, kennt sich aber dafür besonders gut aus in ihrer Nische. Daher war von Jonny Woolnoughs Edelpop-Projekt Present Nature zunächst auch nur per Mundpropaganda zu hören und zu lesen – was sich angesichts der famosen selbstbetitelten Debütplatte bald ändern könnte (ab 10.07.2026 soll sie auch auf Vinyl erhältlich sein). Die zehn überaus charmanten Lieder wurden von Bill Ryder Jones produziert, und man merkt ihnen an, dass Woolnough seine Vorbilder – Paul McCartney, Neil Finn, Prefab Sprout, The Colourfield – gut studiert hat. Dennoch sehr eigen und originell, dieses Album.
4. The Dear Hunter: Sunya (VÖ 20.03.2026)
Casey Crescenzo, der Frontmann dieser vor 20 Jahren gegründeten Progressive-Rock-Band aus Providence/Rhode Island, schreckt – genreüblich – vor großen Konzepten nicht zurück. So ließ er seine leicht größenwahnsinnige, aber eben auch wahnsinnig gut gemachte Musik (laut Allmusic ein Mix aus „chamber pop, jazz fusion, indie rock, and more“) schon mal in neun EP’s um die Farben des Regenbogens kreisen („The Colour Spectrum“). „Sunya“ ist erneut in eine größere Storyline eingebunden und setzt „Antimai“ von 2022 fort. Fans von Pink Floyd (mittlere Phase), frühen King Crimson oder Steven Wilson (mit und ohne Porcupine Tree) können hier andocken. The Dear Hunter bieten erneut ultrakomplexe Sounds, die auch pop-affine Hörer nicht überfordern/abtörnen.
5. Tom Misch: Full Circle (VÖ 27.03.2026)
Es wäre leicht, die Kompositionen des jungen Briten Tom Misch zu unterschätzen, fließen die Tracks doch stets so federleicht schwerelos daher, dass man fast von Easy Listening sprechen könnte. Aber erstens ist der Bruder der ebenfalls hoch talentierten Folktronica-Ambient-Jazz-Künstlerin Laura Misch ein brillanter Instrumentalist an der Gitarre (wie unter anderem auf dem Duo-Album „What Kinda Music“ von 2020 zusammen mit Yussef Dayes bewiesen), zweitens legt er nun einen spannenden, nicht unriskanten Kurswechsel hin, vom Hipster-Jazzpop zum „klassischen“ Singer-Songwriter mit Tiefgang. Textlich geht es auf „Full Circle“ um Momente, die Tom Misch in den vergangenen Jahren geprägt haben: Familie, Freundschaften, die Natur und der Weg zurück zu sich selbst.
Bandcamp
6. Butler, Blake & Grant: Murmurs (VÖ 03.04.2026)
Diese Super-Group des anspruchsvollen britischen Folkpop entstand vor einigen Jahren durch Zufall – man fand sich sympathisch und spielte/sang in Bars jeweils eigene Lieder und Songs der beiden anderen auf der Bühne. Nach dem zu Recht gefeierten selbstbetitelten Debüt aus dem vorigen Jahr mit lauter neu geschriebenen Liedern widmen sich der Engländer Bernard Butler (früher Suede) sowie die Schotten Norman Blake (Teenage Fanclub) und James Grant (Friends Again, Love & Money) auf „Murmurs“ älterem Material aus dem Back-Katalog der im UK sehr bekannten Musiker. Und wieder klingen die Gitarren des Trios atemberaubend, wieder matchen die drei recht unterschiedlichen Stimmen perfekt, wieder bezaubert der lässige Esprit dieses Virtuosen-Projekts.
7. Dallas Good + Richard Reed Parry: Were „The Watchtowers“ (VÖ 26.06.2026)
Diese Platte macht traurig. Nicht unbedingt, weil alle Songs den Hörer mit Melancholie runterziehen – das hält sich in erträglichen Grenzen. Sondern weil Dallas Good das Erscheinen von „Were ‚The Watchtowers'“ nicht mehr erleben darf – der Sänger, Songwriter und Gitarrist der kanadischen Alternative-Countryrock-Band The Sadies starb Anfang 2022 mit nur 49 Jahren. Sein Landsmann und Freund Richard Reed Parry (Arcade Fire) brachte die vor Jahren gemeinsam erarbeiteten „Watchtowers“-Lieder zu Ende („It was not easy to finish this album without him.“). Es ist ein sehr berührendes Album geworden, stilistisch an der Schnittstelle der beiden erwähnten Bands, auch die wunderbare Sängerin Neko Case und die Schriftstellerin Margaret Atwood haben dazu beigesteuert.
8. Gorillaz: The Mountain (VÖ 27.02.2026)
Gibt es eigentlich irgend etwas, das Damon Albarn nicht hinkriegt? Nach dem fulminanten Blur-Comeback mit „The Ballad Of Darren“ (2023) und anderen Zerstreuungen weist der umtriebige Sänger und Multiinstrumentalist seine Worldmusic-Begeisterung nun auch in seinem kommerziell erfolgreichsten Projekt nach, mit der überraschend langlebigen Cartoon-Band Gorillaz. Das Nachfolgealbum des tollen „Cracker Island“ (2023) sei „eine eindrucksvolle Expedition in höhere Sphären“, schrieb der deutsche „Rolling Stone“. Das trifft in mehrfacher Hinsicht zu, findet Albarn hier doch erneut himmlische Pop-Melodien, die er diesmal mit indischer Exotik mischt und von vielen Promi-Gästen (nicht alle weilen noch unter uns Lebenden) performen lässt. Psychedelisch und episch.




