Emma Ruth Rundle & Thou – May Our Chambers Be Full

Emma Ruth Rundle & Thou  –  May Our Chambers Be Full

Ein zu erarbeitender Heavy-Music-Brocken von Emma Ruth Rundle und Thou

Die Geschichte der Entstehung dieses Tonträgers kann nicht ohne Erwähnung des regelmäßig in Tilburg, Niederlande, stattfindenden Roadburn-Festivals erzählt werden. Beide Parteien dieser Kollaboration – die aus Louisiana stammende, hochproduktive Sludge-Metal-Band Thou sowie die inzwischen in Kentucky lebende Gitarristin, Künstlerin sowie Singer-Songwriterin Emma Ruth Rundle – waren jahrelang nicht nur äußerst willkommende Gäste, sondern verfügen dort sogar über einen Sonderstatus: Thou waren 2019 „Artists in Residence“ mit insgesamt vier verschiedenen Auftritten, Emma Ruth Rundle war in diesem Jahr als Kuratorin auserkoren.

Emma Ruth Rundle live mit Thou 2019

Pandemiebedingt musste darauf verzichtet werden, Optimisten können auf eine Nachholung im April 2021 hoffen. Zwei der vier Auftritte Thous 2019 trumpften mit der musikalisch ganz anders klingenden, jedoch geistesverwandten Emma Ruth Rundle auf – bei einem davon wurde ihre Zusammenarbeit erstmals präsentiert. Die nun, über ein Jahr später, endlich auf Platte erscheinen wird. Der andere war ein komplettes Nachspielset des Live-Albums der legendären Misfits. Amateurvideos von beiden Gigs sind en masse bei YouTube zu finden, stöbern lohnt sich.

Heavy Music

Emma Ruth Rundle & Thou May Our Chambers Be Full Cover Sacred Bones

Beiden Akteuren ist zu eigen, dass sie ein höchst individuelles Profil besitzen, das konzeptionell wunderbar zum Roadburn-Festival passt: beide machen „Heavy Music“, wenn auch mit komplett anderen Vorzeichen. Drei von Rundles unter ihrem Namen veröffentlichte Alben sind Songwriter-Perlen voller Verletzlichkeit, Trauer und Auseinandersetzungen mit ihren Ur-Ängsten – live funktionierten diese solo genauso gut wie verstärkt mit ihrer eigenen Band, zu der auch der inzwischen geehelichte Evan Patterson von Jaye Jayle gehört. Ihr erstes Album zeigt sie als Solo-Gitarristin – ein Nachfolger zu diesem scheint ihr nächstes Album werden zu können, wie aus diversen Interviews mit ihr hervorgeht. Sie kann also auch extrem gut „Krach“.

Eine faszinierende kompositorische Klasse

Thou sind in diesem Segment wahre Meister – ihr ideologisch dem Anarchismus nahestehender Indie-Rock wird zwar ebenso im Metal-Lexikon „Encyclopedia Metallum“ gelistet, lässt die meisten Metalfans jedoch überfordert rechts liegen, trotz des Aufgreifens stilistischer Elemente aus Post- sowie vor allem Black-Metal. Alleine das Gekreische von Bryan Funck zieht den meisten Hörern entnervt die Schuhe aus. Passt das zum Gänsehaut bescherenden, doch weit gediegeneren vokalen Vortrag von Emma Ruth Rundle? Im Haushalt des Rezensenten gibt es darüber verschiedene Meinungen. Tatsache ist jedoch, dass die insgesamt mehr am Grunge sowie am Post-Rock orientierten Songs (Thou waren in der Vergangenheit auf diversen Nirvana-Tribut-Samplern zu hören, was für eine Metalband relativ ungewöhnlich ist) eine faszinierende kompositorische Klasse offenbaren.

Schock und Horror gehören nicht zum Konzept des Albums von Emma Ruth Rundle und Thou

Der Einsteiger „Killing Floor“ beginnt wie ein klassisches Emma-Ruth-Rundle-Werk, ihr Gitarren- sowie Stimmton dominiert das Ensemble, während sich Funck wie ein nahender Beißer aus „The Walking Dead“ in den Song schleicht; was in der richtig illuminierten Umgebung extrem furchterregend wirken könnte. Schock oder Horror gehört jedoch nicht zum Konzept des Albums, das sich inhaltlich (live auch visuell) am Ausdruckstanz abarbeitet sowie an persönlichen wie allgemeinen Krisen oder mentalen Traumata. Die drei (!) Gitarren Thous sowie die von Rundle führen faszinierende Dialoge und ergänzen sich zu einem durchdringend-schwerem Ganzen z.B. auf „Out Of Existence“.

Ein zutiefst eigenständiger Brocken

Der anfangs noch verstörende vokale Austausch funktioniert mehr, je öfter man in die Songs eintaucht – wobei eine gewisse Verstörung bei der Themenwahl mehr als passend erscheint. Das achtminütige „The Valley“ am Schluss präsentiert sich in der von Emma Ruth Rundle gewohnten Melancholie – in bildhafter Sprache Dämonen bekämpfend, die nichts mit Fantasy-Welten zu tun haben. Funck steigt später ein, die Band erschafft dazu einen Strudel, der schließlich implodiert und die Hörenden vor einer gereinigten Kulisse zurücklässt. Schwer wie bedrückend, dabei zart und melodisch – „May Our Chambers Be Full“ ist ein zutiefst eigenständiger Brocken, der erarbeitet werden will und der einen irgendwann jedoch nicht mehr loslässt.

„May Our Chambers Be Full“ von Emma Ruth Rundle & Thou erscheint am 30.10.2020 bei Sacred Bones Records / Cargo Records. (Beitragsbild von Craig Mulcahy)

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