Elizabeth Ellen: Die letzte Amerikanerin – 12 Storys

Elizabeth Ellen: Die letzte Amerikanerin – 12 Storys

Knallharte, radikale Storys über Sex, Gewalt und tiefe Sehnsüchte

von Gérard Otremba

Elizabeth Ellen ist eine in Michigan lebende Autorin und Mitherausgeberin des Literaturmagazins Hobart. Der Geschichtenband Die letzte Amerikanerin umfasst eine Auswahl von zwölf Erzählungen aus ihrem in den USA unter dem Titel Fast Machine veröffentlichten Buch. Elizabeth Ellen entwickelt einen schonungslosen, radikalen und manchmal, dem Inhalt angemessen, auch brutalen Schreibstil. Deutlicher und realitätsnäher geht es kaum, um die Auswüchse von Sex, Drogen und Gewalt darzustellen. Sex sells könnte man meinen, doch in Elizabeth Ellens Geschichten steckt mehr als die profane Oberfläche pornographischer Abbildungen, so sehr sich der Sex auch als Leitmotiv durch die Storys zieht. Ellen zeigt verlorene, junge weibliche Seelen, wie zum Beispiel die vorpubertierende Zehnjährige, die ein kurzzeitiges, inzestuöses Verhältnis mit ihrer siebenjährigen Halbschwester auslebt. Die Selbstbefriedigung einer zwischen Kindheit und Pubertät steckenden Göre während des Liebesspiels ihrer Mutter mit deren Teilzeitlover im Nebenzimmer gerät zu einer sinnsuchenden Verzweiflungstat. Verzweifelt und desillusioniert, das sind die Protagonistinnen in Ellens Geschichten irgendwie alle.

Die Sinn- und Persönlichkeitssuche der in die Teenagerzeit kommenden Mädchen verläuft traurig und deprimierend. Unkontrolliertes Essen und Onanie werden zur Sucht. Und die junge Erin beispielsweise kann ihre „Stiefväter“, die ihre ehemals Gedichte schreibende und längst in Bars hinter der Theke arbeitende Mutter anschleppt, nicht mehr zählen. In der Erwachsenenwelt von Elizabeth Ellen sieht es nicht besser aus. Dort schlägt vermeintliche Liebe in Wut und Gewalt um, die letztendlich zur inneren Aufgabe führt. Ellen beschreibt eine verwundete und kaputte Gesellschaft im mittleren Osten der USA, deren Individuen von Sehnsüchten getrieben werden und in der abschließenden Story „Ein gutes Gefühl“ im Horror-Chaos einer an Trainspotting erinnernden Teenager-WG leben. Für manche ist das alles harter Tobak, für manche schlicht die Realität. Elizabeth Ellen gibt laut einem der Verlagsinfo beiliegenden Interview unumwunden zu, autobiographisch gefärbte und im Freundeskreis erlebte Geschichten zu schreiben. Und diese sind mutig, oftmals derb, immer geradeheraus, manchmal anrührend, meistens bewegend und überaus gelungen.

Elizabeth Ellen: „Die letzte Amerikanerin – 12 Storys“, Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Klappenbroschur, 978-3-86265-339-3, 14,95 €.

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