Eileen Myles: Chelsea Girls – Autofiktion

Eileen Myles: Chelsea Girls – Autofiktion

Don’t judge a book by its cover. Und sei es, wie im Fall von „Chelsea Girls“, auch noch so augenfällig.

Buchgestaltung ansprechend, Inhaltsangabe noch viel mehr, der Verlag Matthes & Seitz ja sowieso und die Autor*in Eileen Myles verpassten Prädikate als „Rockstar der Gegenwartslyrik“, „Kultfigur einer ganzen Generation weiblicher Post-Punks“, „feministische Ikone“ und „Pionier*in der queeren Literatur“ ja obendrein. Alles in allem also Spannung und Vorfreude auf das bereits 1994 im Original und jetzt erstmalig auf Deutsch erschienene Werk „Chelsea Girls“, das in 28 autobiografischen Kurzgeschichten ungeschönt davon erzählt, wie es damals war, in New York, als Allen Ginsberg noch zu deiner (sprich Eileen Myles‘) Buchpremiere kam, alle mit allen im Bett landeten und immer irgendwer noch Stoff dabei hatte. Das aber, so der Klappentext weiter, auch von Eileen Myles‘ katholischer Erziehung in den Sechzigern erzählt, vom Aufwachsen mit einem alkoholkranken Vater und von zerbrochenen Liebesbeziehungen.

„Chelsea Girls“: Ja, aber nein

Eileen Myles Chelsea Girls Cover Matthes & Seitz

Und das ist die Stelle, an der zu sagen ist: Mag sein. To cut a long story short / to cut 28 short stories shorter: Gelesen wurden nur ein paar der Texte. Selbsterdachte Regel besagt: Wenn Du nach circa einem Zehntel des Buches keinen Zugang hast, versuche es nochmal so lang. Wenn dann noch immer keiner herzustellen ist, lies noch ein paar Seiten kursorisch. Wenn das auch nicht hilft, leg es weg. Und so kam es dann auch. So groß das Interesse an „Chelsea Girls“ und den darin erzählten Geschichten rund um das Leben innerhalb der Kunstszene New Yorks in den 70ern war, um Myles‘ Wunsch zu schreiben, um das Suchen nach einer Sprache für ihre eigene queere Identität, um das Erzählen von Versuchen und Scheitern, so sehr fehlte der Zugang zum Geschriebenen. Vielleicht war es, was sich mangels Kenntnis des Originals nicht ausschließen lässt, auch der Zugang zum Übersetzten, der fehlte.

Fakt ist: Ich hätte „Chelsea Girls“ wirklich gern gelesen. Hätte es gern gemocht, wie Eileen Myles das eigene New York ungeschönt transkribiert. Hätte es gern gehabt: das Gefühl des Bedauerns, das Buch aus der Hand legen zu müssen; das Bedürfnis, es unbedingt weiterempfehlen und verschenken zu wollen. Allein, es gelang mir nicht. Auch nicht nach ehrgeizigem Versuchen.

Ungeschönt rauschfrei

Tatsächlich hatte die Beendigung jeder der gelesenen, tagebuchartigen Kurzgeschichten etwas Erlösendes; wirkte jede zur Hälfte oder auch nur zu einem Viertel unbeschriebene Seite wie eine hart erlesene Belohnung. „Hingerotzt“ ist eine Vokabel, die mir ungeschönt einfällt, den überwiegenden Sprachgebrauch zu attribuieren und „nicht meine Tasse Rausch“ die sich einstellende Leseerkenntnis. Passend irgendwie, dass die titelgebende Story im Inhaltsverzeichnis fehlt und damit ein wenig an die im Buch (und Inhaltsverzeichnis) enthaltene Geschichte „13. Februar 1982“ erinnert. In der nämlich erzählt Eileen Myles von der Premiere eines ihrer Bücher, in dem nicht nur der Name der Fotografin fehlte, die die Bilder auf der Vorder- und Rückseite gemacht hatte, sondern auch die komplette letzte Strophe eines der enthaltenen Gedichte. Für beides ließ man Stempel anfertigen, die Eileen Myles am Premierenabend in jedes Kaufexemplar stempelte.

Viel mehr ist von den gelesenen Storys aus „Chelsea Girls“ nicht hängengeblieben. Außer, dass „ungeschöntes Erzählen“ auf jeden Fall zutrifft, was aber gern trotzdem bis unbedingt fesselnder sein darf, als nahezu gar nicht. Vielleicht probiere ich mal ein anderes Werk Myles‘, in Originalsprache. Möglichkeiten gibt es reichlich, hat Eileen Myles, für sich selbst übrigens die Pronomen they / them verwendend, bislang doch mehr als 20 Bücher veröffentlicht, die einen beeindruckenden Plural an Auszeichnungen und Stipendien nach sich zogen: Darunter Lyrik, Romane und Essays, in denen nicht nur Genre- sondern auch Geschlechtergrenzen aufgebrochen werden. Thematisch wär‘ ich dabei, literarisch noch nicht.

Eileen Myles: „Chelsea Girls“, Matthes & Seitz, aus dem amerikanischen Englisch von Dieter Fuchs, Hardcover, 252 Seiten, ISBN: 978-3-95757-839-6, 22 € (Beitragsbild: Matthes & Seitz Buchcover)

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Eileen Myles liest aus »Chelsea Girls«

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