Eels: Eels Time! – Albumreview

Eels Photo by Gus Black

Eine Nahtod-Erfahrung hat das aktuelle Eels-Album beeinflusst. Nach Verzagtheit, Trotz und neuem Lebensmut kommt Sänger Mark Oliver Everett zum Ergebnis: „Let’s Be Lucky“.

von Werner Herpell

Auf dem Coverfoto seines neuen Albums tritt Mark Oliver Everett, der Mann vor und hinter dem Langzeit-Projekt Eels, am Mikroständer kräftig in die Luft. Es könnte eine ganz normale Konzert-Impression voller Energie und Freude am Live-Spielen sein, ist aber wohl mehr als das – nämlich ein trotziges (Über)Lebenszeichen des US-Sängers, der erst kürzlich dem Tod von der Schippe gesprungen war. Dazu passt auch der Albumtitel „Eels Time!“ – in diesem Fall etwa so zu übersetzen: Es ist Zeit, weiterzumachen mit dem Dasein in dieser Welt, nachdem die andere, die jenseitige Welt schon so verdammt nah war.

Eine riesige Narbe als Erinnerung

Eels Eels Time! Albumcover

Fast so schlimm wie seinen genialen Physiker-Vater, der mit nur

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51 Jahren an einem Herzinfarkt starb, traf es auch Everett, der sich gern als „E“ abkürzt. Er wurde voriges Jahr nach einer Routine-Untersuchung mit niederschmetterndem Ergebnis (die Hauptschlagader drohte zu platzen) notoperiert. Bilder des inzwischen 61-jährigen Musikers mit einem riesigen Schnitt auf der Brust sind ein ziemlicher Schock (und sollten Anlass zur eigenen Vorsorge sein). Beim Eels-Frontmann ging es gerade nochmal gut – „nur die Narbe erinnert mich daran, dass das wirklich passiert ist“, sagte Everett dem „Rolling Stone“ (Juni-Ausgabe).

Wenn man jetzt das neue, vierzehnte Eels-Studioalbum hört, meint man die verzagt-ängstliche Grundstimmung durchaus des öfteren zu spüren, etwa im Opener „Time“ oder „Song For You Know Who“. Andererseits ist dies natürlich eine typische Aale-Platte mit ihren gedämpften und ihren aufgekratzten Momenten. Das kann, je nach Sichtweise, Gutes oder Schlechtes bedeuten. Denn einerseits sind die zwölf neuen Lieder zwischen fragilem Balladen-Folk und bluesigem Slacker-Rock von gewohnt hoher Everett-Qualität, andererseits aber auch oft ein bisschen vorhersehbar.

Stagnation auf hohem Niveau

Man kann kritisch sagen, dass Everett und die Eels nach dem meisterlichen Grunge-Pop-Debüt „Beautiful Freak“ (1996), dem düster zerschossenen „Electro-Shock Blues“ (1998) und dem bildhübschen „Daisies Of The Galaxy“ (2000) auf hohem Niveau stagnieren, ohne dass es jemals eine wirklich schlechte Platte von ihnen gegeben hätte – kompakt nachzuhören auf einer aktuellen, sehr lohnenden Best-of-Compilation.

Auch „Eels Time!“ enthält nun die typischen Band-Ingredienzen zwischen Zartgefühl und Ruppigkeit, perfekten Popharmonien („And You Run“) und Tom-Waits-Raubauzigkeiten („Lay With The Lambs“) . Everett singt mal schüchtern im Falsett, um seine Stimme im nächsten Track wüst und verzerrt klingen zu lassen. Besonders schön, weil federleicht und breezy, sind die Westcoast-Pop-Songs „Sweet Smile“ und „I Can’t Believe It’s True“ (dieses Stück hat der Multiinstrumentalist seinem siebenjährigen Sohn gewidmet, der den Überlebenswillen des Vaters sicher gestärkt hat).

Glücklich sein mit den Eels

„In meinen Zwanzigern und Dreißigern war ich so was von ahnungslos. In dieser Hinsicht wird es mit den Jahren einfacher“, sagt Everett im „RS“-Interview über seinen gereiften Status Quo. „Man macht sich nicht mehr wegen Kleinigkeiten verrückt.“ Diese Entspanntheit nach vielen familiären Krisen vor 20, 25 Jahren und der Nahtod-Erfahrung zeigt auf „Eels Time!“ Wirkung. Das letzte, beatlesk üppige Stück heißt dann folgerichtig „Let’s Be Lucky“ – einer von fünf bis sechs grandiosen Songs auf diesem guten, wenn auch wieder nicht herausragenden Eels-Album.

Das Album „Eels Time!“ von den Eels erscheint am 07.06.2024 bei E-Works/Play It Again Sam. (Beitragsbild von Gus Black)

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Kommentare

  • <cite class="fn">Nashville Calling</cite>

    Interessant finde ich, wie sehr sich die Eels-Trademark-Sounds auf der neuen Bill Ryder Jones wiederfinden. Das Album hat mir wahrscheinlich gerade auch deswegen gleich gefallen.

  • <cite class="fn">Nashville Calling</cite>

    Unbedingt zu erwähnen: Das Album Blinking Lights and Other Revelations ist nicht Stagnation, sondern Kulmination der aalschen Kunst. Insbesondere die letzten Titel bilden ein Grande Finale allererster Güte.

    • <cite class="fn">Werner</cite>

      Ja, da hast Du einen Punkt. Diese Platte (die aber auch schon fast 20 Jahre alt ist) fasste damals das Eels-Programm in einigen der allerbesten und allerschönsten Everett-Songs kongenial zusammen. Wirklich neu war darauf mE allerdings auch nichts, und wie fast jedes Doppelalbum ist es zu lang. Trotzdem: Klare Reinhör-Empfehlung.

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