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17. Dezember 2025Ein faszinierender, verblüffender und verstörender Roman von Dorothee Elmiger
von Gérard Otremba
Mit ihrem ebenfalls von Sounds & Books rezensierten Vorgängerroman „Aus der Zuckerfabrik“ stand Dorothee Elmiger bereits 2020 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, fünf Jahre später hat sie diese Auszeichnung für „Die Holländerinnen“ erhalten. Elmiger – 1985 in der Schweiz geboren und in New York lebend – wählt das reale Verschwinden zweier niederländischer Studentinnen, von denen Rucksack, Handys und eine Kamera gefunden worden sind, während eine Wanderung im Dschungel Panamas 2014 als Hintergrund für ihren neuen Roman und erweist sich als virtuose, die Komplexität der Sprache auslotende Erzählerin.
Angst, Gewalt und das Unheimliche
In den Mittelpunkt von „Die Holländerinnen“ rückt eine „bedeutende“, aber namenlose Schriftstellerin, die während einer Vortragsreihe ursprünglich „über die Prämissen und Methoden ihrer Arbeit“ referieren wollte, dann aber über eine besondere Erlebnisreise aus dem Dschungel Südamerikas berichtet, zu der sie von einem bekannten Theatermacher als Protokollantin eingeladen worden ist. Der wiederum das tragische Schicksal der beiden Holländerinnen nachspüren wollte und dem es „um nichts weniger als einen neuen, einen hypnotischen Realismus, wie ihn eben nur das Theater, dieser Ort der ständigen Doppelung, schaffen könne“ ging. Dorothee Elmiger hat den Roman im Konjunktiv geschrieben, ein Konjunktiv, der Distanz schafft, Möglichkeiten eröffnet und die drohende Gefahr, die in der Geschichte steckt, in der Angst, Gewalt und das Unheimliche lauern, manchmal subtil, manchmal offensichtlich aufdeckt. Die Story um den Theatermacher und dessen Truppe trifft nicht nur mitten in des „Herz der Finsternis“ eines Joseph Conrad, sondern ebenso in die dunklen Abgründe unserer Welt.
Dorothee Elmiger und die Verweise
Eine stringent-lineare Erzählform wählt Dorothee Elmiger für „Die Holländerinnen“ bewusst nicht und hinterfragt vielmehr das Erzählen zwischen Fiktion und Realität an sich. Dieser auf 160 Seiten verdichtete Roman fasziniert und verblüfft von der ersten bis zur letzten Seite. Trotz eines Monologs in indirekter Rede. Obwohl also nur sehr kurz, findet Elmiger Zeit für diverse kulturelle Verweise in diesem Buch, von Werner Herzog (der den Roman mit einem Zitat einleitet) zu Klaus Kinski, von Immanuel Kant bis hin zu Walter Benjamin. Die Folgen von Kolonialismus und Kapitalismus auf Mensch und Natur thematisiert Dorothee Elmiger nicht minder feinfühlig wie sie sich den Personen nähert, die sich im Tross des Theatermachers im Urwald auf Kommando gegenseitig Schauergeschichten erzählen. Mitunter gerät „Die Holländerinnen“ sehr verstörend, so verstörend wie die Welt, in der wir leben. Dorothee Elmiger hat einen kunstvoll verwobenen und elektrisierenden Roman geschrieben, der den Deutschen Buchpreis wahrlich verdient hat.
Dorothee Elmiger: „Die Holländerinnen“, Hanser, Hardcover, 160 Seiten, 978-3-446-28298-8, 23 Euro (Beitragsbild von Georg Gatsas)





