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13. Juli 2024Fantastische Aufnahmen aus dem Spätherbst der Karriere des Ausnahmetrompeters Dizzy Gillespie
von Sebastian Meißner
Drei Mal war Dizzy Gillespie in den 1980er Jahren beim North Sea Jazz Festival zu Gast. 1981 mit einem Sextett (unter anderem mit Vibraphonist Milt Jackson und den Saxofonisten Sam Rivers und James Moody); 1982 mit AVRO’s Big Band The Skymasters und 1988 (ebenfalls mit Big Band). Der Trompeten-Großmeister, der wie viele seiner gleichaltrigen Weggefährten in den 70er-Jahren eine Durststrecke zu überwinden hatte, weil Fusion die Jazz-Traditionalisten weitgehend an den Rand der Wahrnehmung gedrängt hatte, schwamm plötzlich wieder auf der Erfolgswelle und wurde auch von jüngeren Hörer:innen gefeiert.
Styler und Wegbereiter
Dizzy, seit jeher ein Styler, Unikat, Chamäleon, Wegbereiter und nichts weniger als eine Legende, betrat entsprechend selbstbewusst und gelassen die Bühne des North Sea Jazz Festivals und genoss die Wertschätzung, die ihm entgegengebracht wurde. Die hier nun vorliegende Veröffentlichung demonstriert diese Lässigkeit und vereint Highlights aus allen drei Gastspielen. Zu hören sind die Stücke „Doodlin'“, „Be-Pop“, „Con Alma“, „Blues (You Can’t Loose With The Blues)“, „Jessica’s Day“ und „Round Midnight“.
Dizzy Gillespie kultiviert den Unfall
Was sofort auffällt: Dizzy zeigt sich hier nicht als Einzelgänger, sondern als absoluter Teamplayer. Er präsentiert seine Mitstreiter als gleichwertige Ensemblemitglieder, die je ihren Raum zur freien Entfaltung bekommen. Das gibt der Performance eine Dichte, die mitreißend ist. Alle Musiker gehen mit hoher Konzentration zu Werke und Supporten sich gegenseitig. Vor allem „Be-Pop“ und „Con Alma“ kochen geradezu. Aber auch in den ruhigeren Momenten – etwa in „Jessica’s Day“ – überzeugt das Ensemble mit hoher Fokussierung und Spielfreude. Dizzy, der hier seine durch einen Unfall versehentlich verbogene Trompete spielte, scattet zwischendurch, feuert seine Mitspieler an und spielt so kraftvoll und unique, wie man es von ihm gewohnt ist. Das unverwüstliche „Round Midnight“ interpretiert er als düstere Großstadtparabel, alle Melancholie und Verzweiflung einsamer Nächte mit inbegriffen. Das ist so meisterhaft gespielt, dass es einen entzückt und mitunter gar sprachlos zurücklässt.
Weil wir einen brauchen
1964 kandidierte „Gillespie“ mal für das Amt des US-Präsidenten. Sein Slogan damals: „Ich kandidiere als Präsident, weil wir einen brauchen“. Es ist eine von unzähligen Anekdoten, die den Sonderstatus dieses Mannes beschreiben, dessen Humor und Mut selbst im an Typen so reichen Jazz-Kosmos unvergleichlich blieb. Keine fünf Jahre nach dieser Aufnahme ist Gillespie gestorben. Die Möglichkeit, diese großartigen Aufnahmen aus dem Spätherbst seiner Karriere zu hören, ist ein Geschenk.
„North Sea Jazz Concert Series 1981, 1982, 1988“ von Dizzy Gillespie erscheint am 12.07.2024 bei Bertus. (Beitragsbild: Albumcover)




