Wenn es eine deutsche Band gibt, bei der ein Live-Album Sinn ergibt, dann sind es Die Nerven. Ihre Mahlstrom-Konzerte sind kathartische Erlebnisse.
von Werner Herpell
„Beste deutsche Band derzeit, keine Frage.“ Das habe ich vor gut einem Jahr über das Studioalbum „Wir waren hier“ des Stuttgart-Berliner Postpunk-Noiserock-Trios Die Nerven geschrieben. Widerspruch kam mir nicht zu Ohren. Und diese Einschätzung gilt nun uneingeschränkt auch für die neue Nerven-Platte – leicht abgewandelt zu „Beste deutsche Live-Band derzeit, keine Frage“. Drei Instrumente, drei echte Bühnenpersönlichkeiten, grandioser Krach, starke Texte: Mehr braucht es nicht für das – neben „Live God“ von Nick Cave & The Bad Seeds – stärkste Live-Album dieses Jahres.
Vibrierende, rohe Live-Energie
Was Max Rieger (Gitarre, Gesang), Julian Knoth (Bass, Gesang) und Kevin Kuhn (Schlagzeug) auf „Live im Elfenbeinturm“ an Frust und Wut, Verzweiflung und Empathie rauslassen, ist schlicht sensationell. Und das Publikum dankt es den drei Musikern bei jedem ihrer Auftritte. Wer je einen Nerven-Gig erlebt hat, kennt die nun auf einem Doppelalbum angemessen festgehaltene, vibrierende, rohe Energie im Saal, die faszinierende Verbindung zwischen dieser 2010 in Esslingen am Neckar gegründeten Band und ihren immer zahlreicher werdenden Verehrern.
Ja, wenn man sich dem Mahlstrom aus zügellosem Lärm, wildem Gebrüll und herzzerreißenden Melodien einmal ausgesetzt hat, wird man dieses „Inferno“ (so der Kollege Nico Schmuck über den letztjährigen Hamburg-Auftritt der Nerven) so schnell nicht vergessen. „Das Glas zerbricht und ich gleich mit“, der aktuelle Titelsong „Wir waren hier“, das den Schock der neuen Kriegs-Realität spiegelnde „Europa“, das fabelhafte „Keine Bewegung“ – es sind halt, jenseits der enormen Live-Power, auch unglaublich gute Lieder, die das Trio in den vergangenen Jahren des Aufstiegs zu Kritiker- und Fan-Lieblingen zusammengetragen hat.
Eine Art „Best of“ der letzten Studioalben
Diese vier und zwölf weitere Stücke aus der 15-jährigen Band-Historie sind auf „Live im Elfenbeinturm“ versammelt, so dass dieses Album zugleich als veritable Best-of-Nerven-Kompilation funktioniert. Der Großteil der Tracks wurde den letzten drei Studioalben „Fake“ (2018), „Die Nerven“ (2022) und „Wir waren hier“ (2024) entnommen, zwei lassen nochmal den Vibe des „Fun“-Albums von 2014 aufleben.
Bereits 2017, nach den drei ersten Studioscheiben, war „Live in Europa“ herausgekommen. Dazwischen „liegt ein Unterschied von acht Jahren Live-Erfahrung“, sagt Drummer Kevin Kuhn, der neben all dem zornbebenden Ernst von Rieger/Knoth für etwas sympathisch albernen Bühnen-Spaß zuständig ist. „Die ersten fünf Jahre in unserer Band haben wir keine richtigen Proben vor Konzerten gehabt. Wir haben versucht, etwas im Moment entstehen zu lassen. Seitdem sind wir als Live-Band um einiges gewachsen und haben mittlerweile auch viel ausdifferenziertere, dynamischere Songs.“
Die Nerven machen live gleich weiter
Daher fehlen – etwa bei „Achtzehn“ – nicht einmal die Streicher-Arrangements der Studio-Versionen, um im Konzert die monumentale Größe dieser Songs zu erfahren. Die Nerven liefern stets ein kathartisches, ein sogartiges Live-Erlebnis. Weiter geht’s Anfang nächsten Jahres mit einer Tournee vom 12.02.2026 (Berlin, SO36) bis zum 28.03.2026 (Erlangen, E-Werk). Bitte unbedingt hingehen, lohnt sich!
Das Doppelalbum „Live im Elfenbeinturm“ von Die Nerven erscheint am 05.12.2025 bei 333/Broken Silence/Zebralution. (Beitragsbild von Gérard Otremba)
