Die altonale Pop Nacht 2016 in Hamburg – Konzertreview

Die altonale Pop Nacht 2016 in Hamburg – Konzertreview

Stilistische Vielfalt bei der altonale Pop Nacht

Text und Fotos von Gérard Otremba

Zum dritten Mal ging während der altonale die dazugehörige Pop Nacht über die Bühne. Über mehrere Bühnen selbstverständlich, neu als Spielstätten hinzugekommen sind in diesem Jahr die St. Petri Kirche sowie die bahn_hoefe direkt an der S-Bahn-Station Altona. Dort tritt um 18 Uhr die Formation Ove auf, einer von sechzehn am 09.07. bei der Pop Nacht auftretenden Bands, respektive Solokünstler. Normalerweise als Quintett unterwegs, schrumpft das Line-Up von Ove an diesem Abend aus terminlichen Gründen zu einem Trio. Doch auch in der reduzierten Besetzung Ove Thomsen (Gesang, Gitarre), Sönke Torpus (Bass, Harmonium) und Robert Weitkamp (Schlagzeug) sorgt die Band für ein abwechslungsreiches Konzert. Einst unter dem Namen Game Ove & Die Spielfiguren durch diverse Gigs und eine Platte beim norddeutschen Publikum bekannt geworden, changiert die Setlist zwischen älteren und neueren Songs von dem für Oktober angekündigten Longplayer Ich will mir nicht so sicher sein. Zu hören sind intelligente Indie-Songwriter-Songs mit witzig-ironischen deutschen Texten, mal dynamisch-rockig, mal melancholisch-romantisch. Das Konzert als perfekter Vorbote für ein sicherlich großartiges Album.

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Der Auftakt der altonale Pop Nacht in der Christianskirche ist anschließend Ian Fisher vorbehalten, der zusammen mit seinem Steel Pedal-Gitarristen Ollie Samland herzergreifende alternative Country-Folk-Songs spielt. Es sind zumeist berührende, homogene, aber sehr zerbrechlich wirkende Stücke, die Ian Fisher barmend vorträgt, einige aus seinem aktuellen, Anfang des Jahres veröffentlichten Album Nero, oder auch neue wie „Ikarus“, ein für eine Kirche irgendwie passender Song, meint Fisher, „bei all den fliegenden Wesen um uns herum“. Ian Fisher stammt aus einem kleinem Städtchen in Missouri, verbrachte aber die letzte sieben Jahre in Österreich und Berlin, lernte die deutsche Sprache und textete in eben dieser den Song „Ich hab nur einen Koffer in Berlin“, den er in der Christianskirche präsentiert, mit der schönen Zeile, „Alles was ich habe passt in einen Koffer in Berlin, aber ein Koffer in Berlin ist besser als nix“. Zum Ende seines Gigs wird es rock’n’rollig, ansonsten ein überaus beseelter und ruhiger Auftritt.

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Der Weg führt weiter in die St. Petri Kirche, wo bereits Jonas Alaska mit seinem Konzert begonnen hat. Der 28-jährige Norweger, dessen neues Album Younger auch Sounds & Books begeistert hat, präsentiert sich den altonale-Gästen ganz spartanisch und tritt allein mit der akustischen Gitarre auf. Schön früh warnt er die Besucher seines Auftritts vor den depressiven Inhalten seiner Texte, doch egal, ob Alaska über Unfallopfer, seinen Vater, der seinen Bruder in Jonas Alaskas Alter verlor, oder romantische Sehnsüchte singt, seine Songs sind eindringlich und faszinierend. Und immer wieder die Stille in der Kirche. „Maybe because we are scared of god“, meint Alaska zu der auffallenden Kirchenruhe. Mit solch charmant-witzigen Sprüchen lockert er die dichte Atmosphäre seines Konzertes auf, begibt sich auf Dylans Spuren und entschuldigt sich vorab für sein Gitarrensolo beim blues-folkigen „Paper Plane“, das zum spontanen Mitklatschen animiert. Cooler Typ, dieser Jonas Alaska.

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Von einer Neuen Österreichischen Welle war hier vor Jahresfrist bei der Besprechung des Albums Psithurisma von Dawa bereits die Rede. Der Gig bei der Pop Nacht ist der mittlerweile dritte von Dawa in Hamburg und das Wiener Quartett bringt eine ganz eigene, anmutige und filigrane Traurigkeit in die St. Petri Kirche. Bandnamensgeber und Gitarrist John Dawa singt mit einem melancholischen Soul-Timbre, begleitet wird er gesangstechnisch von Barbara Wiesinger (Glockenspiel, Percussion), Laura Pudelko am Cello sowie Oama Richson am rudimentären Schlagwerk. Trotz der traurigen Grundstimmung finden Dawa jedoch immer wieder einen dramatischen Groove, der ins Rauschhafte gleitet. Einen „Happy-Song“ haben sie dann aber doch auch im Gepäck, der zum Mitsingen und Mitklatschen auffordert und eine Gospel-Atmosphäre evoziert. Schöner Auftritt mit feinsinniger Musik.

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Torpus & The Art Directors haben längst den Hamburger Indie-Helden-Status erreicht und sind seit geraumer Zeit bereit für den nächsten Karrieresprung. Ihr Debütalbum From Lost Home To Hope war ein erstes Ausrufezeichen im alternativen Folk-Rock, das letztes Jahr erschienene Folgewerk The Dawn Chorus ging einen Schritt weiter und setzte Akzente im griffigen AOR. Ein ausverkauftes Gruenspan-Konzert als veritabler Erfolg steht auf ihrer Habenseite und auch das Heimspiel in der Christianskirche bei der altonale Pop Nacht ist von vielen Menschen besucht. Und nach wie vor reißen Sönke Torpus (Gesang, Gitarre), Melf Petersen (Gitarre, Gesang), Ove Thomsen (Harmonium, Pedal Steel, Gesang), Jenny Apelmo (Bass, Gesang) und Felix Roll (Schlagzeug) mit ihrer überschwänglichen Darbietung die Leute mit.

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Kein Wunder, bei so eingängigen und hymnischen Songs wie „Known, Seen, Judged“, „I Can Decide That By Myself“, „From Holding Your Hands“ oder „Fall In Love“. Torpus & The Art Directors rocken das Gotteshaus auch mit neuen sowie Cover-Songs („Time To Pretend“ von MGMT und „Big Jet Plane“ von Angus & Julia Stone, beide auf der diesjährigen EP  Being Discovered zu finden) und stilvoll und authentisch erinnert sich das Quintett  an seine Straßenmusikerwurzeln und verzückt das Publikum mit einer Unplugged-Version von „Love It As It Comes“ mitten im Gang des Kirchenschiffs. Besser kann man den Abend nicht beenden. Eine neue Platte von Torpus & The Art Directors ist in Planung.

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