Die Alben des Jahres 2021 von Michael Thieme

Die Alben des Jahres 2021 von Michael Thieme

Ohne weibliche Verantwortung wären in den 25 Alben des Jahres 2021 nur sechs Alben auf dieser Liste

2021 hat mich genreübergreifend so einiges entdecken lassen, was ich in den Jahren vorher niemals auf dem Schirm gehabt hätte. Nicht unschuldig daran waren die Rezensionsvorschläge von Sounds & Books. Das ging sogar so weit, dass mein Stammgenre Heavy Metal in diesem Jahr eine weniger dominante Rolle spielte, obwohl es auch da Erlesenes zu bestaunen gibt. Hörgewohnheiten verändernde Überraschungen fanden für mich jedoch in der Regel woanders statt. Eine Wertigkeit herrscht hier trotz der Nummerierung nicht vor, die erste Scheibe ist jedoch unzweifelhaft meine Nummer 1 in diesem Jahr. Viel Spaß mit meinen

Alben des Jahres 2021

1. Smerz: Believer

Was die Norwegerinnen Henriette Motzfeldt und Catharina Stoltenberg aka Smerz hier zelebrieren ist atemberaubend – faszinierend für die einen, anstrengend für Andere. Letzteres ist für mich kaum nachvollziehbar, umarmen sich hier doch Einflüsse aus Klassik, Post-Rock, Indie, House oder Singer-Songwritertum zu einer dynamischen Melange voller Kleinode, die gar nicht genug Aufmerksamkeit verdienen sollte in einer gerechten Welt.

2. Little Simz: Sometimes I Might Be Introvert

Dieses letzte Werk der Londonerin Rapperin taucht auf vielen Jahresbestenlisten auf. Zu Recht.  Musikalisch extrem originär mit Sounds, die man auf Hip Hop-Scheiben kaum zu hören bekommt (Fanfaren, Chöre, Harfen) sowie mit Texten, die vom Persönlichen ins Politische reichen und nichts von der szenetypischen Selbstbeweihräucherung bieten.

3. Tirzah: Colourgrade

Eine Scheibe, die mich von Takt 1 an fesselte; ohne dass ich begriff, wieso. Nach vielen Monaten Dauerrotation setzt sich die Ahnung durch, dass Tirzah für mich vielleicht so unfassbar intim klingt, als würden wir uns eine Wohnung teilen. Die Mama zweier Kinder präsentiert einen looplastigen LoFi-R&B und speist ihre Erzählungen aus ihren familiären Erfahrungen, totally DIY. Bestechend wie faszinierend.

4. Billie Eilish: Happier Than Ever

Zweites Album und schon Neu-Erfindung. Der vibrierende Soundoverkill des Debüts ist nur noch vereinzelt spürbar und weicht zunehmend entspannteren, aber trotzdem oft verstörenden Klängen wie Texten mit beswingter Gitarre. Ein Manifest zum Umgang einer jungen Frau mit Einvernahme oder Ruhm sowie ein weiterer Schritt einer großen Künstlerin.

5. Half Waif: Mythopoetics

Themen wie Einsamkeit, Sucht oder Krankheit sowie die Suche nach Autonomie; illustriert von einem sehr warmen Synth-Pop oder melancholischen Pianosounds: Sowas herrscht vor auf dem fünften Album von Nandi Rose Plunkett aka Half Waif, die unter ihrem Geburtsnamen bei der Indie-Band Pinegrove musiziert. Ein stiller Grower, schöner bei jedem Durchlauf.

6. Emma-Jean Thackray: Yellow

UK-Jazz herrscht weiterhin –  tanzbar sowie offen in alle anderen musikalischen Auswüchse. Die Multi-Instrumentalistin Thackray spielt auf ihrer Spiritual-Jazz-Scheibe fast jedes Instrument selbst und bringt den inneren Hippie in uns allen zum Vorschein.

7. Arlo Parks: Collapsed In Sunbeams

Ein frühes Highlight 2021 war dieses Album der Südlondoner Singer/Songwriterin, die kürzlich noch Konzerte spielte in Deutschland. Aus Corona-Gründen ohne mich; jedoch vor  ausverkauften Häusern voller junger Menschen, die sich verstanden fühlen von den warmen Sounds und Texten über die persönlichen Dinge menschlichen Zusammenseins, die in der Isolation noch viel bedeutsamer werden. Eine Klang gewordene neue, beste Freundin.

8. Haiyti: Mieses Leben

Fünf Monate nach dem Vorgängerwerk eine neue Songsammlung der lebenslustigen Soundverarbeiterin zwischen Party und Katerstimmung. Etwas egozentrisch vielleicht auf Dauer, aber klanglich in kleine Diamanten gepresst, die Permanentbeschallung fordern. Das trifft fast ebenso auf den kürzlich erschienen Nachfolger „Speed Date“ zu. Talentoverkill galore.

9. 박혜진 Park Hye Jin: Before I Die

Nach einer EP erschien im September dieses Debüt der jungen Sängerin, Rapperin, DJ sowie Produzentin, die alles komplett in Eigenregie aufnahm und uns eine Songsammlung beschert, in der sie auf englisch oder koreanisch einen „magischen Sog aus Anziehung und Abwehr“ erzeugt (Missy Magazin). Tanzbar, witzig, verletzlich wie stark.

10. Joan As Police Woman, Tony Allen, Dave Okumu: The Solution Is Restless

Die letzte Aufnahme der nigerianischen Drum-Legende Tony Allen entstand nach einer Jam-Session in Paris kurz vor Pandemie-Beginn. In New York bastelte Joan Wasser aka Joan As Police Woman daraus diese superbe Song-Kollektion, erschüttert von diversen Todesfällen in ihrem Bekanntenkreis. Leider auch dem Allens.

11. Wolvennest: Temple

Krautrock meets Black Metal: was die Belgier Wolvennest mit Riffs, Theremin und diversen ausdrucksstarken Stimmen (als Gast dabei: King Dude) auf ihrem Drittling abliefern, ist schlicht atemberaubend.

12. Dread Sovereign: Alchemical Warfare

Eigentlich ein Doom-Trio um Primordial-Rampensau Alan Averill, brechen sich rotziger Punkrock sowie Black Metal-Versatzstücke immer mehr Bahn im Gesamtsound dieser kleinen, feinen Combo aus Irland.

13. King Woman: Celestial Blues

Kristina Esfandiaris „persönlicher Höllensturz in neun epischen Songs zwischen Doom Metal und Shoegaze“ (Visions) ist der bisherige Höhepunkt im reichhaltigen Schaffen der Kalifornierin, die u.a. auch als Miserable musiziert.

14. Thy Catafalque: Vadak

Kátai Tamás macht so gut wie alles allein bei Thy Catafalque und erstaunt immer wieder auf Neue.

15. Cleopatrick: Bummer

Frischer Rock’n’Roll vom Allerfeinsten, da muss man sich wahrlich keine Sorgen machen um die Zukunft dieser Musik.

16. The Ruins Of Beverast: The Thule Grimoires

Auf Alexander Von Meilenwalds Black-Doom-Psych-Metal-Projekt trifft dasselbe zu wie auf Thy Catafalque. Es wird immer besser.

17. Desire Marea: Desire

Neue Welt für mich: Mode, House, Techno von einer non-binären Künstler:In aus Südafrika. Gehe extrem steil drauf.

18. Red Ribbon: Planet X

Die neue Definition von Dream Pop.

19. Emma Ruth Rundle: Engine Of Hell

So offen, dass es weh tut.

20. Nala Sinephro: Space 1.8

UK-Jazz ruled auch hier.

21. Nele H: Ali

Trauernde Klänge zwischen Avantgarde und Dance-Floor.

22. Jaubi: Nafs At Peace

Jazz, Soul sowie Traditionelles aus Pakistan. Wunderschön.

23. Jess And The Ancient Ones: Vertigo

Finest Okkult-Hippie-Rock aus Finnland.

24. Marissa Nadler: The Path Of The Clouds

Southern-Gothic von der Chefin.

25: Lana Del Rey: Chemtrails Over The Country Club

Auch von Lana gab es zwei tolle Alben dieses Jahr – das erste hat jedoch die Nase vorn.

Extra: Der Song des Jahres ist auf keinem Lieblingsalbum von mir, toppt aber aus diversen Gründen alles 2021: Danger Dan: „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“. Mutig, treffend, brilliant. Ziehe meinen Hut.

(Beitragsbild: Smerz by Benjamin Barron und Bror August)

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