Die Aeronauten: Neun Extraleben

Die Aeronauten: Neun Extraleben

Ein letztes Album der Aeronauten

Vielleicht waren die Aeronauten die sympathischste Band der Welt, bestimmt aber die charmanteste der Ostschweiz: 1991 wurde die Gruppe gegründet. Elf Alben und viele Singles währte die Geschichte der Aeronauten, die aus Romanshorn via Schaffhausen aufgebrochen waren, die Herzen der Menschen zu erobern. Und das funktionierte – zumindest bei manchen: Was nicht verwundern musste, denn diese Schrammel-Gitarren und Blechbläsersätze, dieser hemdsärmelige Gesang, diese melancholischen Lieder würden selbst Steine zum Heulen bringen. Und die Texte, sie leuchten in schöner Schlichtheit wie blankgeputzte Sprachdiamanten.

Der Soul-Pop der Aeronauten

Im Zentrum der Band stand stets Oliver Maurmann alias „Olifr M. Guz“ an Gitarre, Gesang, Bass, Harmonium und Orgel. Guz war ein Mann, der nur wenige Zeilen singen musste, um erkennen zu lassen, dass das was er tat, etwas wirklich Besonderes war. Die Aeronauten steckten sich alles in ihre großen Taschen. Surfmusik, Ska, Blues, Punkrock, Country, Rock‘ n‘ Roll, filmmusikalische Instrumentals, ja sogar Swing, Rumba und Calypso, die Bläser-Sätze der Dexys Midnight Runners – vieles klauten sie aus den Regalen der Popgeschichte, um alles zusammen zu schnoddrigem, mitreißendem Soul-Pop hoch zu brodeln.

Der zu frühe Tod von Sänger Guz

Im Jahr 2015 erschien das letzte Album der Aeronauten. Und nun, einige Monate nach dem so frühen Tod des Sängers Guz, der im Alter von nur 52 Jahren im Januar 2020 an den Folgen eines Herzleidens starb, erscheint noch einmal ein zwölftes Album, das „Neun Extraleben“ heißt. „Dieses anstrengende Leben“, das erste Stück, gibt den mitreißenden Sound vor. Ein Sound, der sich in vielen Jahren kaum verändert hat. 13 Titel hat das postum veröffentlichte Werk, das nochmal alles auf den Punkt bringt: Wir hören trotzigen Rock’n’Roll mit jeder Menge Punk-Esprit und Soul-Power, ein saftiges Stück Leben mit viel Hoffnung und Wissen um ein gutes Ende. „Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren“, singt Maurmann, doch: „Irgendwann wird alles gut“.

Ein letztes Album, das nach einem Debüt klingt

Die Aeronauten Neun Extraleben Cover Tapete Records

Dieses Album klingt wie ein Debüt, voller Euphorie. Es haut rein, wie ein Faustschlag. „Hatemails“, „Goldfish Murder“, „Du kotzt mich an jetzt“, ungeschliffener klang die Band in den letzten Jahren selten. Doch „Neun Extraleben“ hat auch große, tiefe, suggestive und elegante Nummern wie „Lamento“. Bluesige Songs, die bis kurz vor Maurmanns Tod aufgenommen wurden und welche die Band jetzt in einer Art Gruppentherapie ohne den Sänger vollendet hat: „Nach Olifrs Tod wurde uns schnell klar, dass wir das hier für ihn und uns und auch irgendwie mit ihm zu Ende bringen wollten.“

„Neun Extraleben“, der Titeltrack, ist ein weiterer Höhepunkt des Albums, das noch einmal zeigt, wie einzigartig diese Band ist. Der Schweizer Journalist und Guz-Weggefährte Marcel Elsener hat darauf hingewiesen, dass das Rock’ n’ Roll-Begriffsverständnis der Aeronauten im deutschsprachigen Raum mit nichts vergleichbar ist. Und es ist nicht übertrieben: Mit „Neun Extraleben“ hat sich die Band noch einmal selbst übertroffen.

Die Außenseiter-Combo

Dennoch taugte diese Außenseiter-Combo nie zum ganz großen Erfolg. „Keine Hütte, kein lauwarme-Bier-verkaufender Keller, wo wir nicht gewesen wären”, erinnert sich Maurmann. Und weiter: „In einer gerechten Welt”, so Guz, wären ‚Freundin‘, ‚Ich wollt ich wär tot, Bettina‘, ‚Countrymusik‘ zu Chartbreakern erster Güte geworden”.

Dieses neue Album zu hören, macht Lust, auch die anderen Scheiben der Band noch einmal aufzulegen: Hören wir also die ganzen Aeronauten-Hits! Hören wir noch einmal „Countrymusik“, „Bettina“, „Schuldigung“ oder das ganze Guz-Solo-Album „We Do Wie Du“. Tanzen wir zu diesen Pop-Balladen, zu diesem Garagenbeat, Blues, Rock’ n’ Roll und Boogie Woogie.

Die Aeronauten lassen den Tod hinter sich

„Wir waren nirgends groß, nur überall ein bisschen“, so hat es Maurmann 2004 in seiner Bandgeschichte geschrieben. Das stimmt natürlich nicht. Man höre nur „Gletscher sterben leise“ und dann das letzte Stück „Never Be Dead“, eine Handyaufnahme aus dem Proberaum. Das ist schon beinahe überlebensgroße Musik, die den Tod tatsächlich hinter sich lässt. Mit „Neun Extraleben“ hat die Gruppe ein mächtiges Werk geschaffen, das, zumindest für diese knappe Stunde Rock‘ n‘ Roll, sogar den Tod besiegen kann.

„Neun Extraleben“ von Die Aeronauten ist am 20.11.2020 bei Tapete Records erschienen. (Beitragsbild: Albumcover)

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Die Aeronauten - Neun Extraleben

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