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22. Juni 2026Wer ist der Mann am Telefon? Der Assistent verpackt eine Mystery-Erzählung in chillige Lounge-Sounds
von Sven Weiss
Die untergehende Sonne taucht das Meer in ein glitzerndes Rot, das selbst die größten Impressionisten neidisch werden ließe. Die schwüle Abendhitze packt die Szenerie in einen Kokon, in dem alles nur in Zeitlupe stattzufinden scheint. Zum Glück ist da das laue Lüftchen, das angenehm über die Haut streicht. An der Strandbar ist noch Betrieb, aber viele der Gäste haben sich schon in die Dünen zurückgezogen. Mit einem kühlen Mixgetränk in der Hand lässt man den Blick über die Wellen schweifen und lauscht den entspannten Tönen, die aus den Boxen an der Bar herüberwehen.
Lounge-Sounds wie aus einer Café-del-Mar-Compilation
Dabei könnte es sich sehr gut um das neue Album von Der Assistent, dessen selbstbetiteltes Solodebüt 2023 erschien, handeln. Zumindest würde der chillige NDW-Lounge auf „Ultramarin“, in diese Umgebung passen wie der Eiswürfel in den Sundowner. Laid back ist das Motto, wenn Tom Hessler, aka Der Assistent (offensichtlich gibt es noch richtig coole Künstlernamen), mit uns durch acht Lieder zwischen Yacht Pop, Balearic und Downbeat segelt, die einer frühen Café-del-Mar-Compilation entsprungen sein könnten. Natürlich funktioniert das nicht nur am Strand von Ibiza, sondern ebenso auf dem Balkon der Hamburger Dachgeschosswohnung oder beim abendlichen Abhängen auf den Dresdner Elbwiesen. Nur Sommer sollte es sein. Denn dieses Album ist Sommer pur.
Für seinen Sommersound taucht Hessler, manchen vielleicht noch bekannt als Frontman der Hamburger Gitarrenrockband Fotos, tief in die Achtziger ein: Cheesige Keyboard-Sounds, viel Hall, Saxophon satt. Hessler selbst bezeichnet das schon mal als „Fahrstuhlmusik“ oder „Kitsch“. Da ist also durchaus ein gewisses Augenzwinkern mit im Spiel.
Unter der luftigen Oberfläche befindet sich eine dunkle Parallelwelt
Doch sollte man sich nicht täuschen lassen. Denn die Texte, die Hessler über seinen weichgespülten Sound säuselt, haben es durchaus in sich. Da ist etwa von einem mysteriösen Mann die Rede, der mitten in der Nacht am Telefon wartet.
„Wer ist der Mann am Telefon? / Der Mann am Telefon / Wartet er am Apparat / auf ein Telefonat? / Oder sucht er einen Weg / aus der Realität?“ Erst am Ende des Songs räumt Hessler ein, dass er selbst dieser Mann ist. Oder wer ist überhaupt dieses Ich, von dem da die Rede ist? Immerhin scheint da ein anderes Ich im Spiel zu sein, wie etwa der Song „Der Assistent und das zweite Ich“ vermuten lässt: „Warum / Warum liebst du mich nicht / Zweites Ich / Warum / Warum verletzt du mich / Zweites Ich“ Im folgenden Song tritt gar ein Doppelgänger auf, DAS klassische Motiv der Selbstfindung und inneren Spurensuche: „Mir ist jemand auf der Spur / Er sitzt im Taxi hinter mir / Ein Doppelgänger, / wie man sagt, / kommt aus dem Nichts und / ungefragt. / Doppelgänger, bist du die / Kopie oder das Original?“
Es ist ein Spiel mit Identitäten und Realitäten, das sich wie ein roter Faden durch die Songs zieht. Ein Mystery-Trip mit gruseligen Schnappschüssen aus einer dunklen Parallelwelt, die das leichte, helle Blau des sommerlichen Ibiza-Himmels in ein schweres, mysteriöses Ultramarin kippen lassen. Um am Ende – so lässt es der Titel des Closers vermuten – in „Total Confusion“ zu münden.
Ultramarin ist ein Album, das man auf mehrere Arten hören kann
Und so eröffnet das Album plötzlich eine ganz neue Dimension. Wer assistiert hier eigentlich wem, könnte man fragen. Und wobei? Hesslers Identitätsverwirrspiel erstreckt sich nicht nur auf die lose Geschichte eines Albums, sondern auf sein Alter Ego, sein ganzes Projekt. Auf die Sinnsuche eines Gitarrenrockers, der sich mit Lounge-Klängen in die Achtziger beamt, um dort nach seinen Wurzeln zu fahnden?
Vielleicht geht die Interpretation zu weit. Es lohnt sich aber auf jeden Fall, in die Tiefen dieser Geschichte hinabzusteigen, die das Album eben auch bietet. Oder es doch einfach ganz gechillt am Strand zu hören. Noch einen Drink bitte!
„Ultramarin“ von Der Assistent erscheint am 19.06.2026 bei Ultramarin Records. (Beitragsbild von Maximilian König)





