
Neil Young: Coastal – The Soundtrack
16. April 2025
Fake Plastic: Your Gods Are False – Song des Tages
17. April 2025Die Folk-Jazz-Geniestreiche von Nick Drake solo am Piano? Warum nicht – wenn man es (und das schon zum zweiten Mal) so gut macht wie Demian Dorelli.
von Werner Herpell
Es sind gute Zeiten für Verehrer (ich schreibe bewusst nicht „Fans“, das wäre in diesem Fall viel zu trivial) des großen englischen Singer-Songwriters Nick Drake (1948-1974). Kürzlich erschien endlich auch auf Deutsch eine hervorragende Biographie über das tragische Folk-Jazz-Genie (Jürgen Goldstein: „Nick Drake – Eine Annäherung“, Matthes & Seitz, Berlin 2025 – Besprechung folgt). Danach elektrisierte eine Albumankündigung die nach Outtakes und Raritäten dürstenden Nick-Drake-Sammler: Sein Debüt „Fives Leaves Left“ von 1969 kommt am 25. Juli in erweiterten Editionen auf 4 LPs oder 4 CDs heraus.
Trilogie-Start mit „Pink Moon“ 2021
Und schon jetzt gibt es diese zum Niederknien schöne Musik in einer ganz besonderen Form zu hören – als Klavier-Hommage „Nick Drake’s Five Leaves Left – Echoes On Solo Piano“ von Demian Dorelli. Den Namen des italienisch-britischen Grenzgängers zwischen Neoklassik, Jazz und Folk werden viele Drake-Jünger bereits gehört haben, hat Dorelli doch bereits das dritte, letzte, düsterste Album des vermutlich durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Briten in einer hauchzarten Solo-Version gewürdigt. „Nick Drake’s Pink Moon – A Journey On Piano“ erschien 2021. Das Album war eine dem Anlass entsprechend zutiefst melancholische Verbeugung vor einem nur mit Gesang, Gitarre und Klavier allein im Studio eingespielten Popklassiker, es passte perfekt in die traurige Stimmung der Pandemie.
Jetzt also „Five Leaves Left“ – die Platte, mit der der junge Cambridge-Literaturstudent Nick Drake im Folk-Boom der späten 60er noch recht optimistisch als brillanter Akustikgitarrist und einnehmender Sänger startete, mit der Pop-Metropole London als Ziel. Die zehn Lieder sind zwar teilweise bereits sehr schwermütig („River Man“ oder „Way To Blue“ etwa gelten bei all ihrer melodischen Strahlkraft als Songs, die man nicht in depressiver Stimmung hören sollte), aber auch mal tänzelnd beschwingt wie „The Thoughts Of Mary Jane“, „Man In A Shed“ oder „Saturday Sun“. Und so präsentiert nun auch Dorelli diese Kompositionen, die gefährliche Gratwanderung des grüblerischen, aber seinerzeit auch hoffnungsfrohen Songwriter-Talents aus der englischen Provinz sensibel nachvollziehend.
„Faszinierende Entdeckungsreise“
„Meine Reise in das Leben und die Musik des mysteriösen englischen Singer-Songwriters Nick Drake hat sich zu einer faszinierenden Entdeckungsreise entwickelt – ein Weg voller Überraschungen, der immer wieder Neues offenbart“, sagt der im „Pink Moon“-Veröffentlichungsjahr 1972 geborene Dorelli. „Alles begann gegen Ende von Nicks Leben und mit seinem letzten Album. Ich nahm mir die Herausforderung vor, ‚Pink Moon‘ in seiner Gesamtheit neu zu interpretieren, dieses Mal jedoch für Solo-Klavier. Nach den Aufnahmen wurde schnell klar, dass es eine echte Möglichkeit gibt, diesen Ansatz irgendwann auf alle drei Alben von Drake auszuweiten.“
„Five Leaves Left“ sei ein Album, „mit dem ich mich besonders verbunden fühle“, erläutert der Pianist. „Heute lebe ich in Cambridge, wo Nick einst Englisch an der Universität studierte und gleichzeitig an den Songs für sein erstes Album arbeitete. (…) Auch mein Leben in Barnes/London während meiner Studienzeit knüpft an Nicks Geschichte an. Damals wohnte ich zusammen mit meinem engen Freund und heutigen Produzenten Alberto Fabris, der mir Nicks Musik vorstellte. Erst vor Kurzem erfuhr ich, dass Barnes auch für Nick ein besonderer Ort war: Dort traf er sich mit dem schottischen Komponisten Harry Robinson, um die Streicherarrangements für ‚River Man‘ (Track 2 auf dem Album) zu besprechen. Dieses Stück ist bis heute mein absoluter Favorit, und seine einzigartigen Streicherarrangements werden seit Jahrzehnten bewundert.“
Demian Dorelli spürt Drakes Sound gefühlvoll nach
Man sollte von Dorellis Interpretation der frühen Nick-Drake-Songs keine völlig neuen Sichtweisen auf diese Musik erwarten, wie es sie auf der vor zwei Jahren erschienenen Tribute-Compilation „The Endless Coloured Ways – The Songs Of Nick Drake“ von einigen der beteiligten Künstler zu entdecken gab. Dies sind, wie der Untertitel des sehr gelungenen Albums schon sagt, „Echoes On Solo Piano“ – also gefühlvolle, dem Originalsound von Nick Drake nachspürende Klavierversionen, die man auch in einer guten Bar zum mitternächtlichen Glas Bordeaux- oder Barolo-Rotwein genießen könnte.
Am 25. November 2024 jährte sich Nick Drakes früher Tod mit nur 26 Jahren zum 50. Mal. Demian Dorelli hat – wie auch Jürgen Goldstein mit seiner verdienstvollen Biographie – dieses Datum nicht für eine punktgenaue Veröffentlichung genutzt (was man hinsichtlich des den kommerziellen Erfolgs beider Unternehmungen bedauern mag). Der Italo-Brite nahm den Todestag vielmehr als Ausgangspunkt für seine „Echoes“. Dorelli sagt: „Es fühlte sich richtig an, diesen Moment zu nutzen, um ein weiteres seiner Alben zu würdigen. Dieses Mal wollte ich zurück zu seinen Anfängen und sein erstes Album auf meine pianistische Leinwand bringen.“ Dieses Gemälde ist ihm geglückt. Nun freuen wir uns auf Dorellis Piano-Solo zum zweiten, mittleren, für mich besten Werk der Nick-Drake-Trilogie: „Bryter Layter“.
Das Album „Nick Drake’s Five Leaves Left – Echoes On Solo Piano“ von Demian Dorelli ist am 11.04.2025 bei Ponderosa Music Records/ Edel Kultur erschienen. (Beitragsbild: Albumcover)





