Delphine de Vigan: Dankbarkeiten – Roman

Delphine de Vigan: Dankbarkeiten – Roman

Ein bewegender Roman über Zuneigung und Empathie der französischen Schriftstellerin Delphine de Vigan  

Mit dem verfilmten Roman „No & ich“ gelang der französischen Schriftstellerin Delphine de Vigan 2007 der Durchbruch. In ihrer Heimat zählt die 1966 geborene de Vigan längst zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren. Ihr 2016 auf Deutsch übersetzter Roman „Nach einer wahren Geschichte“ stand in Frankreich wochenlang auf der Bestellerliste und erhielt den Prix Renaudot. Zuletzt erschien von der in Paris lebenden Schriftstellerin das Buch „Loyalitäten“, dem dieses Jahr „Dankbarkeiten“ folgte. Ein schmales und ergreifendes Buch von nur 160 Seiten.

Der schleichende Verlust der Sprache

Delphine de Vigan Dankbarkeiten Buchcover Dumont Verlag

Michka Seld leidet unter Sprachaussetzern und altersbedingten Gebrechen. Für die 84-jährige ehemalige Fotoreporterin und Korrektorin ein schweres Schicksal. Ihr zur Seite steht die ungewollt schwanger gewordene Marie, eine Nachbarstochter, um die sich Michka früher gekümmert hat und zu der eine innige Beziehung entstanden ist. Marie leitet Michkas Umzug in ein Altenheim ein, wo die alte Dame fortan mit dem Logopäden Jérôme zusammenarbeitet. In kurzen Kapiteln und knappen Dialogen entwickelt Delphine de Vigan ein bewegendes Kammerspiel über die Themen Zuneigung und Empathie.

Scheint Michka zunächst die einzige hilfsbedürftige Figur des Romans, entpuppt sie sich zusehends als psychologische Ratgeberin für Marie und Jérôme. Abwechselnd schildert de Vigan aus den perspektiven Maries und Jérômes das Fortschreiten von Michkas Krankheit. Diese beweist in den Gesprächen und Wortspielen mit ihrem Logopäden mitunter einen tiefen Sinn für hintergründigen Humor: „So, Michka, jetzt aber an die Arbeit! Hören Sie mir gut zu: Antiquitätenhändler, Schallplattenhändler, Buchhändler, Möbelschreiner. Welcher Oberbegriff verbindet sie miteinander?“ „Das Verschwinden?“.

Das Mitgefühl der Delphine de Vigan

Michkas geistig-körperlicher Verfall kann indes nicht aufgehalten werden. Am Ende hegt sie nur noch den Wunsch, sich bei dem Ehepaar zu bedanken, zu dem sie von ihrer jüdischen Mutter gebracht worden und das sie während das zweiten Weltkrieges vor den Nazis versteckte. Unabhängig voneinander machen sich Marie und Jérôme auf die Suche. Delphine de Vigan vermittelt mit wenigen, aber umso intensiveren Worten und Sätzen die Wichtigkeit von Anteilnahme, Dank, Mitgefühl und Würde für ein gesellschaftliches Zusammenleben. Ein berührender und tröstender Roman.

Delphine de Vigan: „Dankbarkeiten“, Dumont, aus dem Französischen von Doris Heinemann, Hardcover, 176 Seiten, 978-3-8321-8112-3, 20 Euro (Beitragsbild: Buchcover)

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