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21. Oktober 2024Neuauflage des bahnbrechenden Buches von 2007, in dem Daniel C. Dennett für eine materialistische und funktionalistische Ausrichtung der Bewusstseinsforschung plädiert
von Sebastian Meißner
Daniel C. Dennett, Jahrgang 1942 und Direktor des Center for Cognitive Studies an der Tufts University, ist ein bedeutender Vertreter des neu (bzw. erneut) aufkommenden Materialismus. In seinem neuesten Buch „Süße Träume“ widmet er sich der Wissenschaft des Bewusstseins. Ein zentrales Konzept ist dabei seine Methode der „Heterophänomenologie“, die die Selbstäußerungen von Probanden, Beobachtungen des Forschers und objektive Untersuchungsmethoden kombiniert. Dennett argumentiert, dass die Dritte-Person-Perspektive nicht die Erste-Person-Perspektive ausschließe, was eine umfassendere Analyse mentaler Phänomene ermögliche. Er nutzt moderne bildgebende Verfahren der Hirnforschung, um Inkonsistenzen zwischen verbalen Äußerungen und körperlichen Reaktionen zu identifizieren.
Die Bedeutung der materiellen Verwirklichung
Seine Kritik an der Mystifizierung des Bewusstseins richtet sich gegen die Vorstellung von „Qualia“, die er als unzureichend betrachtet. Er sieht die Beweislast bei denen, die Bewusstsein als unerklärlich oder transzendental darstellen. Gleichzeitig plädiert er für eine materialistische und funktionalistische Ausrichtung der Forschung. Als Materialist akzeptiert er keine mysteriösen Entitäten, als Funktionalist betont er die Bedeutung der materiellen Verwirklichung.
Dennetts Ansatz ist interessant, wenngleich auch nicht ohne Folgeprobleme. Denn er argumentiert sowohl materialistisch als auch funktionalistisch. In diesem Buch entwirft er Modelle, um die Eigenschaften des Geistes zu erläutern, wobei er Bewusstsein als Arbeitsbereich des Gehirns versteht. Dennett bestreitet die Auffassung, dass Bewusstsein eine besondere Instanz im Gehirn sei. Stattdessen sieht er es als Ergebnis kausaler Verknüpfungen und als Eigenschaft physischer Prozesse. Dies wirft jedoch die Frage auf, ob Bewusstsein eine spezifische Rolle in einer Theorie des Geistes hat.
Daniel C. Dennett bleibt uneindeutig, rüttelt aber auf
Dieses Buch mag nicht die beste Wahl sein, um sich mit Dennetts Thesen vertraut zu machen. Die Gedankengänge sind nicht aus einem Fluß, vermutlich sind die einzelnen Kapitel zu unterschiedlichen Gelegenheiten entstanden und deshalb nicht optimal aufeinander abgestimmt. Dennoch stecken in ihm zahlreiche gelungene Ansätze, so wie etwa die „Zaubertrick-Metapher“, mit der Daniel C. Dennett die Mythen rund um Bewusstsein, freien Willen und die Seele veranschaulicht. Der Gedanke: Zuschauer:innen sind gerne fasziniert von den scheinbar unglaublichen Ereignissen und möchten verzaubert bleiben. Aus diesem Grund werden Zaubertricks selten erklärt. Und auch Dennetts Thesen blieben so missachtet.
Das Geheimnis des Bewusstseins
Außerdem bietet dieses Buch wie nebenbei einen interessanten und kompakten Überblick über die Diskussionen zu Bewusstsein an der Schnittstelle von Hirnforschung, Kognitionswissenschaft und Philosophie des Geistes. Vor allem ist es eine provokante Infragestellung der etablierten Erkenntnisse. Dennett mag in seiner Darstellung letztlich zwar selbst uneindeutig – und damit angreifbar – bleiben, es geht ihm aber vor allem darum, seine Gegner herauszufordern, Beweise für ihre Positionen zu liefern. Er hebt die Heterophänomenologie als notwendige Methode zur Erforschung des Bewusstseins hervor. So bleibt zwar offen, ob er das Geheimnis des Bewusstseins tatsächlich entschlüsseln kann. Ordentlich aufgerüttelt dürfte er die Kolleg:innen in seinem Fachbereich aber sicher haben.
Daniel C. Dennett: “ Süße Traüme – Die Erforschung des Bewusstseins und der Schlaf der Philosophie“, Suhrkamp Verlag, übersetzt von Gerson Reuter, Broschur, 216 Seiten, 978-3-518-30036-7 (stw 2436) (Beitragsbild: Buchcover).





