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15. Mai 2026Seit über 20 Jahren macht Daniel Benyamin Indie-Artpop auf hohem internationalen Niveau. Das Comeback-Album „Life After Music“ ist sein Opus magnum.
von Werner Herpell
Da hat sich eine Menge angestaut: Mit gleich 22 neuen Tracks, in Vinylform verteilt über vier LP-Seiten, kehrt Daniel Benyamin auf die Indiepop-Bühne zurück. Schon rein quantitativ mit Wucht also, und (Spoiler!) auch qualitativ mit ganz viel Gutem im Gepäck. Unter dem Namen Daniel Benyamin (mit einem y) ist „Life After Music“ erst seine zweite große Veröffentlichung – aber man kennt diesen deutschen Musiker mit internationalem Anspruch tatsächlich schon viel länger.
Aus Benjamin wurde Benyamin
Nämlich als Daniel Benjamin (mit einem j), der vor 15 bis 20 Jahren auf Haldern Pop Recordings seine feinen Artpop-Songs noch in liebevoll selbstgebastelten CD-Hüllen veröffentlichte (dieser Reviewer besitzt sie noch und hält sie in Ehren). Es ist halt ein bisschen komplizierter mit einem überzeugten (und überzeugenden) Indie-Künstler, der zwischendurch 2015 mit seiner griechischen Ehefrau Eleni Zafiriadou das tolle Duo-Album „Evropi“ unter dem Moniker Sea+Air herausbrachte, sich nach der Trennung als Daniel Benyamin (nun offiziell mit y, auch wegen der Namensgleichheit mit einem britischen Musiker) neu erfinden musste – und mit „Life After Music“ (starker Titel in diesem Zusammenhang) jetzt quasi wie Phoenix aus der Asche aufsteigt.
Denn dies ist ohne Wenn und Aber ein Opus magnum des Multiinstrumentalisten. Benyamin, inzwischen 46 Jahre alt, hat alles reingeworfen, was ihm an Produktions- und Arrangement-Künsten und an Songwriting-Raffinesse zur Verfügung steht. Also eine ganze Menge. Es lohnt sich kaum, hier einzelne Stücke herauszuheben, in dieser Review das übliche Highlight-Hopping zu betreiben. „Life After Music“ ist trotz seiner in diesen Zeiten ungewöhnlichen Albumlänge von über 80 Minuten eine Platte, die man in Gänze hören sollte, so schön fügt sich das alles, so bezaubernd ist der Flow vom kurzen Titelsong-Intro bis zum Closer „A To B“. Wer nach Referenzen sucht: David Sylvian, Talk Talk, The Blue Nile, Nick Cave, Steven Wilson, Radiohead – so in etwa.
Ein Album für unabhängige Plattenläden
„Auf den Streaming-Plattformen wird dieses Album Seite für Seite veröffentlicht“, schreibt Benyamin auf seiner Facebook-Seite zum digitalen Procedere der seit langem sorgfältig vorbereiteten Veröffentlichung. „Um daran zu erinnern, warum Schallplatten so großartig waren: Jede Seite war ein Kosmos für sich, und genau so habe ich diese Platte gestaltet. Vier verschiedene Landschaften. Die erste Seite (6 Songs) mit dem Titel ‚Life‘ erscheint am Freitag (15. Mai). Die zweite Seite wahrscheinlich irgendwann im Sommer. VIEL SPASS!“
Dass „Life After Music“ (auf Benyamins Label Ghost Palace Records) als Doppel-Vinyl und CD zur Unterstützung unabhängiger Plattenläden erstmal nur dort verkauft wird, passt ins Bild eines eigenwilligen Independent-Musikers („So for now it will only be released there, no shows, no mailorders. Please go find one close-by and pre-order/buy it there.“). Wer nun denkt, dass die Songs etwas verschroben, LoFi oder ungelenk klingen könnten – nichts davon. Dies ist über 22 Stücke hinweg der bei Daniel Benjamin/Benyamin gewohnte hohe Standard – nur diesmal alles komplett selbst komponiert, selbst eingespielt, selbst aufgenommen und selbst abgemischt (insofern von der DIY-Philosophie her an das superbe neue Album „The Sound My Mind Makes“ von Dirk Darmstaedter erinnernd).
Daniel Benyamin „auf der Flucht vor KI“
„Für die Arbeit an diesem Album habe ich mich für mehrere Monate in die Natur zurückgezogen. Auf der Flucht vor KI und der Suche nach maximaler emotionaler Inspiration“, erzählt Daniel Benyamin, im Interview ein äußerst sympathischer und reflektierter Musiker. „Da KI ‚Musik‘ nur rational errechnen kann und Rationalität das Ende von Musik ist, suchte ich Irrationalität. Das Ergebnis ist ein über 80 Minuten langes Doppelalbum über Stille und heilende Einsamkeit. Bisschen doof in Zeiten von Speed, Streaming, Social Media und KI. Aber erst wo echtes Blut fließt, entsteht Leben.“
Benyamin versteht sein „Life After Music“ insofern auch als weit über die Musik hinausgehendes Statement: „So zwingt uns KI am Ende, uns wieder aufs Menschliche zu konzentrieren. Und wir lernen, in einer Welt, in der Superreiche, Despoten und die von ihnen erschaffene KI immer mehr durchdrehen, wieder zueinander zu finden. All das inspirierte mich, ein Doppelalbum mit vier thematisch und stilistisch unterschiedlichen Seiten zu machen.“ Als Hörer zieht man vor so viel intellektueller Durchdringung des eigenen künstlerischen Tuns den Hut – und erfreut sich an einem prachtvollen Artpop-Doppelalbum.
Das Doppelalbum „Life After Music“ von Daniel Benyamin ist am 15.05.2026 als CD und Vinyl auf Ghost Palace Records erschienen. (Beitragsbild von Laura Straubel)





