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2. Oktober 2025Scharfsinnig und schonungslos zeigt die Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury, warum wir so wütend sind
von Sebastian Meißner
„Groll, das ist die Tatsache, gram sein zu wollen; und man sieht, wie dieses Gramsein den Platz des Willens einnimmt, wie eine negative Energie an die Stelle der positiven Lebensenergie tritt, wie diese Verfälschung des Willens, oder vielmehr diese Hintertreibung des guten Willens, dieser Verlust des Willens zu, wie diese schlechte Objekt den Willen einer guten Richtung beraubt, wie es das Subjekt beraubt.“ Es ist kein alarmierendes Zeugnis, das die Psychoanalytikerin und Philosophin Cynthia Fleury uns – als Individuen wie als Gesellschaft – hier ausstellt. In ihrer ebenso engagierten wie anspruchsvollen Analyse des Hasses legt sie schonungslos offen, woran unser Miteinander krankt und was Ursachen für Neid, Missgunst und Spaltung sind. Aber: Sie wagt auch den Blick auf mögliche Auswege.
Politische Analysen und Pragmatismus
„Unsere Gesellschaften sind zu Fabriken unwürdiger Situationen geworden“, sagt Cynthia Fleury in einem Interview mit der ARD. Frustration und Ressentiments voller gesellschaftlicher Sprengkraft seien die Folge. „Das Ressentiment ist zunächst ein psychisches Moment, bevor es ein historisches und politisches Moment wird“, sagt Fleury. „Leider wird der Autoritarismus oft so dargestellt, als ob es der große Führer wäre, der das Volk zum Umkippen bringt. Das stimmt aber nicht. Es waren die Wähler, die Trump gewählt haben. Sie waren es, die Trump fabriziert haben.“ Cynthia Fleury lockt uns aus dem Komfort der Opferrolle. Besonders beeindruckend ist ihr Mut, Hass nicht nur zu verurteilen, sondern seine psychologischen und gesellschaftlichen Wurzeln offenzulegen – vom faschistischen Weltbild bis zu kolonialen Traumata.
Dabei bleibt sie nicht bei der Diagnose stehen: Sie setzt auf „revolutionäre Sublimierung“, also auf einen inneren Aufstieg, der über pure Gewalt hinausgeht und letztlich auf ein universelles Menschsein zielt. Ihr Ansatz verbindet politische Analyse mit psychotherapeutischem Pragmatismus. Institutionen sollen nicht entfremden, sondern geistige Gesundheit fördern; Psychoanalyse und Humanwissenschaften sollen helfen, die „ganzheitliche Wahrheit der Person“ zu erkennen. Der Einzelne wiederum wird ermutigt, Kränkungen bewusst zu durchschauen und schöpferisch zu überwinden – sei es durch ästhetische Erfahrung oder Schreiben.
Cynthia Fleury bleibt optimistisch
Fleurys Optimismus, dass Individuen selbst den Weg aus Hass und Ressentiment finden können, wirkt ambitioniert und nicht immer leicht umsetzbar. Doch gerade dieser Glaube an innere Kraft und universelle Verbundenheit macht das Buch zu einem hoffnungsvollen Beitrag in schwierigen Zeiten.
Cynthia Fleury:“Hier liegt Bitterkeit begraben – Über Ressentiments und ihre Heilung“, Suhrkamp Verlag, übersetzt von Andrea Hemminger, kartoniert, 314 Seiten, 978-3-518-30061-9, 20 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)





