Crippled Black Phoenix – Ellengæst

Crippled Black Phoenix – Ellengæst

Das neue Album von Crippled Black Phoenix hat das Zeug für die Jahresbestenlisten

Zäsur bei Crippled Black Phoenix: Dem musikalischen Kollektiv aus Großbritannien um Ex-Iron-Monkey-Drummer Justin Greaves gingen mal wieder Mitglieder verloren – nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Formation, die seit 2004 ihren originären Pfad beschreitet zwischen atmosphärischem Postrock, Psychedelic, Wave oder Postpunk. Und das mit dieser Mixtur auch für viele Metalhörer attraktiv ist, was ein erfolgreicher Slot beim Hardrockfestival Hammer Of Doom 2017 beweist, über den bei Rockstage Riot ein lesenswerter Bericht erschienen ist. Gitarrist Jonas Stålhammar hat mit seiner Hauptband At The Gates wieder mehr zu tun – der weitere Abgang, Sänger Daniel Änghede, unterstützte zuletzt Draconian (zumindest live) am Bass.

Crippled Black Phoenix und der Triggeralarm

Crippled Black Phoenix Ellengaest Cover Seasons Of Mist

Crippled Black Phoenix hatten jedoch schon immer viele Stimmen und machten sich im Laufe ihrer Karriere auch viele stimmgewaltige Freunde, weswegen der Verlust zu verschmerzen ist: Auf  „Ellengæst“, trotz 54 Minuten Laufzeit im Kanon der Band wegen nicht selten an der 90 Minuten-Marke kratzender Veröffentlichungen eher als EP zu werten, fügen sich Stimmen befreundeter Musizierender so ein, dass man wünscht, sie würden in diesem Kollektiv verweilen. Das Eröffnungsdoppel „House Of Fools“ und „Lost“ brilliert mit Anathema-Sänger Vincent Cavanagh neben CBP-Sängerin Belinda Kordic – „Lost“ illustriert dabei in acht Minuten und 10 Sekunden, was bei uns Menschen alles so schief läuft – für das eindrucksvolle Video dazu muss man einen Triggeralarm aussprechen. „We are lost as Humans“ skandiert Cavanagh, – wer mag ihm da widersprechen.

Ein Gothic-Touch weht durch das Album

„In The Night“ präsentiert die norwegische Black-Metal-Legende Kristian Eivind Espedal am Mikro – besser bekannt als Gaahl von Gorgoroth (früher) und Gaals Wyrd (heute). Ein Künstler, der nicht für inflationäre Kollaborationen bekannt ist und den Justin Greaves auf vergangenen Touren mit härteren Formationen wie Electric Wizard kennen sowie schätzen lernte. Gaahl unterlässt szenetypisches Gekeife und intoniert sonor im King-Dude-Style, ein Gothic-Touch weht durch den Song, nicht zum letzten Mal auf diesem Album. Der US-Amerikaner Ryan Patterson, inzwischen einziges Mitglied der stark 80er-Dark Wave-beeinflussten Fotocrime und auf der letzten CBP-Tour Bassist bei letzteren, verbündet sich auf „City Of Love“ stimmlich mit der Australierin Suzie Stapleton, deren „We Are The Plague“ im Juli dieses Jahres bereits Zeichen setzte. Abschied von einem geliebten Familienmitglied ist hier das Thema, Patterson sowie das Paar Greaves/Kordic mussten einen solchen in jüngster Vergangenheit verarbeiten.

Crippled Black Phoenix werden von Pink Floyd und Mogwai beeinflusst

Jonathan Hultén, von Japan faszinierter Art-Designer, Singer-Songwriter in der Tradition von Nick Drake sowie bei Tribulation Gitarrist einer der innovativsten Metalbands, die vom Death Metal kommend inzwischen einen faszinierenden, genreübergreifenden Gothic-Metal fabriziert, intoniert kurz vor Schluss das elfminütige „The invisible Past“ nachdem in einem Zwischenspiel ein Betroffener von seinen Depressionen spricht – ein Befund, der ebenso Justin Greaves zu eigen ist. „Das Schlimmste an der Hölle sind nicht die Flammen, sondern die Hoffnungslosigkeit“, heißt es da. Große Gefühle, ein sanfter Einfluss von Pink Floyd und ein großer von den Brüdern im Geiste, Mogwai. Das Bauhaus-Cover „She’s In Parties“ schließt das Album ab, ein hedonistischer Ausblick mit bitterem Beigeschmack – gut gespielt, bleibt jedoch zurück hinter der Traumversion von A Forest Of Stars (2012).

Unterm Strich bleibt anzumerken, dass diese Fingerübung zwischen zwei „richtigen“ Alben von Crippled Black Phoenix das Zeug hat, die Jahresbestenlisten der Rockpresse zu dominieren. Ganz großes Kino fürs Ohr, dabei durchaus auch wichtige Musik zur Zeit.

„Ellengæst“ von Crippled Black Phoenix ist am 09.10.2020 bei Seasons Of Mist erschienen. (Beitragsbild: Albumcover)

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