Communicant: Harbor Song – Albumreview

Communicant by Marjolyn Megaloudis

Großes Psych-Pop-Kino waren die Songs von Dylan Gardner schon auf seinem Communicant-Debüt. Kann sich die Band mit Album Nummer 2 nochmals steigern?

von Werner Herpell

Es gibt für Musik-Fans (und selbst für Musikkritiker-Profis, die mit angeblich sensationellen Neuigkeiten ja überschüttet werden) immer mal solche Glücksmomente: Man lernt einen völlig unbekannten Künstler oder eine obskure Band kennen, deren Album einen regelrecht umhaut – Gänsehaut-Effekt inklusive. Solche Zufallsentdeckungen sind eigentlich die schönsten, fast noch besser als jede lang angekündigte Platte eines bewährten Lieblingskünstlers (womit ich natürlich nichts gegen beispielsweise das kommende Großwerk „Wild God“ von Nick Cave & The Bad Seeds gesagt haben will).

Eklektischer „Soulful Psych Pop“

Communicant Harbour Song Albumcover

Warum die Vorrede? Weil Dylan Gardner aka Communicant so eine Zufallsentdeckung ist. Ich muss gestehen, dass ich von diesem 28 Jahre alten US-Singer-Songwriter und Multiinstrumentalisten, der schon 2014 eine erste, später sogar über Warner wiederveröffentlichte Soloplatte herausbrachte, bis vor kurzem noch nie etwas gehört hatte. Und eigentlich kenne ich mich mit Singer-Songwriter-Musik – speziell wenn sie Richtung Lennon/McCartney, Brian Wilson, Harry Nilsson, Nick Drake oder Elliott Smith tendiert – ja ganz gut aus. Womit die stilistischen Koordinaten dieses begnadeten Musikers einigermaßen genannt wären. Als „Soulful Psych Pop“ bezeichnet Gardner selbst seine eklektische Mixtur.

Nun also „Harbor Song“, das zweite Album des 1996 in Aurora/Illinois geborenen Sängers, Gitarristen, Pianisten und Produzenten im noch relativ jungen Projekt Communicant. War das 2021er Debüt „Sun Goes Out“ (ebenfalls erhältlich auf Bandcamp) von Dylan Gardner, seinem Bruder Mark an den Drums und weiteren Bandmusikern stark Beatles-fixierter Barock-Pop, so hört man jetzt auch aktuellere Einflüsse. Spurenelemente toller Indie-Bands wie Spiritualized, Tame Impala, The Flaming Lips, MGMT oder Vampire Weekend lassen sich hier ebenso ausmachen wie die großen Vorbilder aus den 60er- oder 70er-Jahren. Und dennoch klingt dieses Album nie öde epigonal, sondern in seiner verspielten Melodieseligkeit einfach nur bezaubernd.

„Etwas Größeres erschaffen“

„Ich sah eine Möglichkeit, etwas Größeres zu erschaffen, etwas jenseits von nur mir allein“, sagt Dylan Gardner über seinen Weg vom Solokünstler zum Bandleader bei Communicant. Dass Hochbegabte in ihren künstlerischen Ambitionen hoch hinaus wollen (sogar müssen), hatte voriges Jahr auch der in Berlin lebende US-Singer-Songwriter Grimson mit seinem ersten Album „Climbing Up The Chimney“ unterstrichen, dessen Sound sich mit „Harbor Song“ durchaus vergleichen lässt. 

Doch bei weitem nicht immer gelingt dann ein großer Wurf. Communicant-Songs wie die Vorab-Tracks „The Day“, „Dream State“ oder „Controller“ hingegen sind auf Anhieb episches Kino mit perlenden Klavier-Parts, psychedelischen Streicher/Bläser-Arrangements und dieser leicht trägen, melancholischen Stimme von Dylan Gardner. Das vielleicht allerbeste von elf fabelhaften Liedern ist „Annabella“ mit einem leierndem Mellotron und einer zum Niederknien schönen, traumverlorenen Melodie, auf die sogar „Sir Paul“ McCartney oder der große Filmsong-Komponist Jon Brion stolz sein könnten. 

Auch inhaltlich führt uns Gardner in anspruchsvolle Gefilde. Die Texte spiegeln „persönliche Reflexionen (…), die sich während Phasen des Lockdowns und der Isolation kristallisierten“, so beschreibt es die Label-PR: Sehnsucht und Verlust („Annabella“), die Suche nach Trost und Hoffnung in Zeiten der Einsamkeit („Saint Allison“), die Auswirkungen von Krieg auf das individuelle und kollektive Bewusstsein („Normandy“).

Ein warmes Kopfhörer-Album von Communicant

„Ich wollte, dass die Platte in den Ohren warm klingt“, sagte Dylan Gardner bereits über das oben erwähnte Communicant-Debüt. Dieses Ziel hat er mit „Harbor Song“ nun noch glanzvoller erreicht: ein veritables Kopfhörer-Album (weil es wie erwünscht so warm und wohlklingend ins Ohr flutscht) und zugleich ein neues Aushängeschild des Neo-Psychedelic-Pop. Auf die weitere Karriere des frühreifen Supertalents darf man sehr gespannt sein.

Das Album „Harbor Song“ von Communicant erscheint am 05.07.2024 via Bandcamp oder die Band-Website Beitragsbild von Marjolyn Megaloudis)

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