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13. Juni 2026Schottische Folk-Musik und Jazz – passt das zusammen? Aber klar, wenn sich ein Virtuose wie der Trompeter Colin Steele um diese Fusion kümmert.
von Werner Herpell
„Very, very different“ sei die neue Platte, klinge also ganz anders als seine „Jazz Interpretations Of The Blue Nile Songbook“ aus dem vorigen Jahr, schrieb Colin Steele auf einem persönlichen Beipackzettel zu „Stramash II“ – er hoffe aber, dass mir auch dieses Album wieder gefalle. Also fix die aus Edinburgh zugeschickte Vorab-CD in den Player gepackt, voller Spannung reingehört, die schottische Seele der neun Aufnahmen sofort gespürt – und, na klar, auch dieses Werk ist, so unterschiedlich die Musik sein mag, ein Meisterstück. Was für ein „toller, wilder Tumult“ (so die ungefähre Übersetzung von „stramash“). Mission accomplished, Colin!
Enge Verbindung zur schottischen Heimat
War seine Tribute-Platte für die ikonische Band The Blue Nile noch eine sensible, mitternächtlich gedimmte Jazz-Annäherung an den Glasgower Sophisticated-Pop der 80er (und ganz nebenbei eines meiner Top-Ten-Lieblingsalben 2025), so geht Steele nun weiter zurück. Zum einen knüpft das aktuelle Album beim auch schon herausragenden Frühwerk „Stramash“ (2008) und dem damals noch ungewohnten Brückenschlag vom Jazz zur regionalen Volksmusik mit Jigs, Reels und Country Dances an. Zum anderen dokumentiert Steele hier stärker denn je eine enge Verbindung zur bewegten Geschichte Schottlands, zu den Landschaften seiner Heimat und den Menschen im hohen Norden der britischen Insel.
Der Opener „Declaration Of Arbroath“ bezieht sich auf den 700. Jahrestag eines wichtigen historischen Ereignisses aus der Frühzeit des schottischen Strebens nach Unabhängigkeit: eine fast neunminütige Suite, die dem quirligen Piano von Dave Milligan und dem Saxophon von Phil Bancrift viel Raum gibt neben Colin Steeles atmosphärischen Trompetenklängen. Ein virtuoses musikalisches Historiengemälde. „Elgin Laddie“ stellt zunächst die folkige Fiddle-Section (Seonaid Aitken, Chris Stout, Patsy Reid) ins Zentrum, ehe das Ensemble in einen munteren 30er-Jahre-Swing abbiegt. „Earl Of Hospitalfield“ würdigt Alan Steadman, der an der schottischen Ostküste 25 Jahre lang einen Jazzclub führte – hier teilt sich die Trompete das Spielfeld mit den Whistles und Pipes von Rory Campbell.
Landschafts-Klangmalerei und Whisky-Ode
„Fergus“ ist ein weiterer Tribute-Track, diesmal für einen jüngeren Kollegen von Colin Steele, den schottischen Pianisten Fergus McCreadie (sein Album „Stream“ war meine Jazz-Platte des Jahres 2024). „Covesea Bay“ ist pure, prachtvolle Landschafts-Klangmalerei – wieder fällt auf, wie brillant Steele und sein langjähriger Kollaborateur Milligan die improvisatorischen Freiheiten des Jazz und die urwüchsige Lebensfreude des Scottish Folk in ihren Arrangements verknüpfen. „Benromach“ ist eine fröhlich-feierliche Ode an den legendären Speyside-Whisky – wer Dudelsack-Sounds bisher nervig fand, wird Abbitte tun, denn in diesem Kontext sind sie das berühmte Tüpfelchen auf dem i.
Auch die Ballade „Song From Long Ago“ (laut Steele „das klassischste Stück von allen“), das dem kürzlich gestorbenen Vater gewidmete „Cairns“ und der wild bewegte Closer „Bangers And Stramash“ („ein bisschen unbeschwertes Chaos am Ende des Albums“) haben sehr persönliche, in den Liner-Notes mal launig, mal melancholisch-sentimental kommentierte Hintergründe. Ohnehin ist „Stramash II“, wie schon der 18 Jahre alte Vorgänger, wohl mehr als jedes andere seiner Soloalben ein Spiegel des Wesens, ja der Seele von Colin Steele, einem freundlichen, bescheidenen, gleichwohl stolzen, durch und durch schottischen Jazz-Maestro.
Colin Steele als Fusion-Pionier und Protagonist
Eine tiefe Liebe zu Schottland (wie von diesem Reviewer hinreichend dokumentiert) ist also sicher von Vorteil, aber nicht zwingend notwendig, um „Stramash II“ zu genießen. Wurde bereits das Original von der Kritik einhellig gefeiert, so ist Steele (mittlerweile vor allem berühmt für seine sensiblen Jazz-Hommagen an The Pearlfishers, Joni Mitchell und, wie schon erwähnt, The Blue Nile) nun wohl noch größere Aufmerksamkeit sicher.
„Für manche Folk-Puristen zu jazzig, für bestimmte Jazz-Traditionalisten zu folkig, stand es glorreich außerhalb aller Kategorien. Vielleicht war die Welt einfach noch nicht bereit“, schreibt das Label Gadgemo Records über das 2008er Debüt des Fusion-Projekts. Inzwischen habe jedoch „eine neue Generation den fruchtbaren Boden zwischen schottischen Folk-Traditionen und zeitgenössischem Jazz erschlossen und erweitert. Das Klima hat sich gewandelt. Die Ohren haben sich geöffnet.“ Colin Steele ist mit seiner grandiosen zehnköpfigen Band um Dave Milligan (Piano), Calum Gourlay (Bass) und Alyn Cosker (Drums) sowohl verdienter Pionier als auch aktueller Protagonist dieses „Stramash“-Trends, der die Tradition ehrt und gleichzeitig neu interpretiert.
Das Album „Stramash II“ von Colin Steele ist am 12.06.2026 bei Gadgemo Records erschienen.





