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27. Januar 2026Der Roman zum Film: Colin Higgins fängt in „Harold und Maude“ den hippiesken Geist der Sechziger ein
von Gérard Otremba
Wer den 1971 erschienenen Film „Harald und Maude“ noch nicht gesehen hat, hat definitiv etwas verpasst. Der von Hal Ashby gedrehte Klassiker gehört zu den kultigsten aller Kultfilme und sollte stets in einem Atemzug mit u.a. „Die Reifeprüfung“, „Rocky Horror Picture Show“, „Blues Brothers“, „Birdy“, „Der Club der toten Dichter“, „Pulp Fiction“ und „The Big Lebowski“ genannt werden, wenn es um Kultfilme geht. Dem genialen Film mit dem so passenden wie wunderbaren Soundtrack von Cat Stevens (u.a. „If You Want To Sing Out, Sing Out“) liegt ein Drehbuch von Colin Higgins zugrunde, gleichsam die Abschlussarbeit des australischen Autors für ein Seminar an der Universität von Los Angeles.
Harolds Sinn für das Morbide
In der Reihe „Modern Classics“ des Diogenes-Verlages liegt nun eine Neu-Übersetzung des gleichnamigen Romans von Pociao und Roberto de Hollanda vor (samt Nachwort des Songwriters Faber), den Colin Higgins ebenfalls 1971 in Buchform veröffentlichte. Der knapp 20-jährige Harold wohnt mit seiner vermögenden Mutter in einer Villa in Kalifornien in einem bieder-konservativen Haushalt, in dem die Etikette mehr zählt als Gefühle und Zuneigung. Harold hat einen gewissen Sinn für das Morbide entwickelt und buhlt um die Aufmerksamkeit seiner Mutter auf provokante Weise, in dem er gerne Selbstmorde auf makabre Art inszeniert. Seine Mutter schickt ihn indes zum Psychiater. Darüber hinaus fährt Harold gerne mit einem Leichenwagen durch die Gegend und besucht regelmäßig Beerdigungen. Auf einer solchen lernt er die 79-jährige Maude und mit ihr eine andere und neue Welt kennen.
Die unkonventionelle Maude
Colin Higgins entwirft mit Maude den Gegenentwurf zu Harold. Obwohl auch die ein Faible für Beerdigungen hat, genießt sie das Leben in vollen Zügen, bleibt unkonventionell, legt Regeln zu ihren Gunsten aus und legt sich auch schon mal mit der Polizei an. Maude stammt aus Wien, wuchs zur Kaiserzeit auf, wollte als junges Mädchen einen Soldaten heiraten, führte später jedoch mit einem Regenschirm als Schutzschild Kämpfe für die Freiheit, für Bürgerrechte, für Gerechtigkeit und überlebte unter der Nazi-Herrschaft ein KZ. Die beide verlieben sich ineinander und verbringen abenteuerlustige Tage bis zum 80. Geburtstag Mauds, an dem Maud ihrem Leben ein Ende setzt, weil sie es als das richtige Alter empfindet, um abzutreten.
Colin Higgins fängt den hippiesken Geist der Sixties ein
Colin Higgins kommt in seinem Roman, einer erweiterten Form seines Drehbuchs, mit knapp 170 Seiten aus. Man liest das Buch en passant in einem Rutsch durch, freut sich diebisch über die herrlichen wie witzigen Dialoge – und ganz besonders über den hippiesken Geist der Spätsechziger, den Colin Higgins hier einfängt. Ein Geist, der mal wieder über die Vereinigten Staaten von Amerika wehen sollte. Ein neues, kleines Kultbuch.
Colin Higgins: „Harold und Maude“, Diogenes, übersetzt von Pociao und Roberto de Hollanda, Hardcover, 192 Seiten, 978-3-257-07319-5, 19 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)





