Clemens Meyer: Im Stein

Clemens Meyer: Im Stein

Der ultimative Rotlichtmilieu-Roman von Clemens Meyer

von Gérard Otremba

Mit seinem Debutroman „Als wir träumten“ mischte Clemens Meyer 2006 die deutsche Literaturszene auf. Meyer gelang ein brillanter Wende- und Adoleszenz-Roman über eine verlorene (Ost-)Generation, die von „Mutti“ Merkel bei ihrem Drang, Kanzlerin „aller Deutschen“ sein zu wollen, wohl schlichtweg vergessen wurde. Eine desillusionierte, hoffnungslose Jugend, die dem Feiern und Randalieren im Leipzig der Nachwendezeit nicht mehr entkommt und deren Träume auf dem Polizeirevier enden. Der damals 29-jährige in Halle geborene Autor zeigte sich in „Als wir träumten“ als liebevoller und detaillierter Chronist der 80er und 90er Jahre des Ostens der Republik. Nach dem Erzählband „Die Nacht, die Lichter“ sowie dem Tagebuch „Gewalten“ liegt nun sein zweiter, epochaler, knapp 600 Seiten dicker Roman „Im Stein“ vor. Erneut dient Meyers Wohnort Leipzig als zentraler Handlungsort seines Buches und wieder bewegt er sich in der gesellschaftlichen Grauzone, am Rande der Legalität, wo die Prostitution immer noch angesiedelt wird. Denn genau diesem Thema widmet sich der Preisträger der Leipziger Buchmesse von 2008 in seinem neuesten Werk. Clemens Meyer macht es dem Leser nicht leicht, „Im Stein“ fließend lesen zu wollen. Die Erzählperspektiven wechseln rasch, die Gedankengänge von Prostituierten, Zuhältern, Clubbesitzern, „Vermietern“ und Investoren springen von Pontius zu Pilatus, hier ist höchste Konzentration und Aufmerksamkeit beim Lesen erforderlich. Vereinzelt wird man das Gefühl eines Lese-Burn-Outs nicht los, denn sie kommen alle zu Wort, die erfahrene über 50-jährige genauso wie die ihren Körper im Teenageralter verkaufende Hure. Aufbauend sind diese Bekenntnisse und Einblicke wahrlich nicht, weder die der Prostituierten, noch die der manchmal in Revierkämpfen verwickelten Bordellbesitzer. Jedoch entwickelt Meyer mit seiner knallharten Realitätsprosa das notwendige Autorengefühl für sein Sujet. Damit hat es Clemens Meyer mit „Im Stein“ völlig zu Recht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2013 geschafft. Ob er gewinnt oder nicht, was bleibt ist ein opulentes, zwar anstrengendes, aber immer lesenswertes Sittengemälde deutscher Bordelllandschaften.

Clemens Meyer: Im Stein, Hardcover, S. Fischer Verlag, 978-3-10-048602-8, 22,99 €

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