Christoph Schlingensief: Kein falsches Wort jetzt – Gespräche

Christoph Schlingensief: Kein falsches Wort jetzt – Gespräche

Das kürzlich bei Kiepenheuer & Witsch erschienene „ Christoph Schlingensief: Kein falsches Wort jetzt“ ist eines jener Bücher, die man nahezu komplett knicken kann …

…oder eben nahezu komplett textmarkern. Je nachdem, wie man es mit Büchern hält, die randvoll sind mit Sätzen und Gedanken, auf die man gern das Urheberrecht hätte oder denen man zumindest einen Ring anstecken und ewige Liebe und Treue schwören möchte. So wie dem hier: „Fünf Tage Drehzeit plus zwei Reservetage – da kann man nicht mehr lange überlegen und sagen: „Margit, komm doch in vier Tagen mal durch diese Tür und sieh wie ein Schrank aus.“ Und dann kommt sie durch die Tür und sieht aus wie ein Tisch.“

Zitate wie diese ließen sich problemlos in einer Tour aneinanderreihen, und sprächen damit vermutlich mehr für „Kein falsches Wort jetzt“, als es eine Besprechung darüber je könnte. Und natürlich für Christoph Schlingensief, dessen Tätigkeiten als Film-, Theater- und Opernregisseur, Schauspieler, Autor, bildender Künstler, TV-Entertainer, politischer Aktivist, Gründer der Initiative Festspielhaus in Afrika und Professor für Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig nur der (nicht abschließenden) Vollständigkeit halber erwähnt werden sollen, und nicht etwa, weil nicht sowieso ungefähr alle den Namen einzuordnen wüssten.

„Kein falsches Wort jetzt“ oder egal wann

Was bliebe, wäre das Buch abschließend mit allen (plus 1) von allen zu vergebenden Sternen zu bewerten, fertig wäre die Rezension. Und es wäre eine Titel, Werk und dem als ewigen Provokateur geltenden (nicht selten verkannten) Schlingensief wohl am ehesten gerecht werdende. Denn kein falsches Wort jetzt oder egal wann zu „Kein falsches Wort jetzt“ ist quasi unmöglich, scheinen alle richtigen hierzu schon gesagt zu sein. Von Christoph Schlingensief selbst ausgesprochen und von seiner Ehefrau und Mitarbeiterin Aino Laberenz nun im Kiepenheuer & Witsch Verlag herausgegeben.


Von Beginn an nahm Schlingensief in Interviews und Gesprächen immer wieder ausführlich Stellung zu seinen unzähligen Projekten, verstand er das Sprechen darüber doch stets als wesentlichen Teil seiner vielfältigen Aktionen. Aino Laberenz hat eine Auswahl von 33 solcher Gespräche (entstanden zwischen 1984 und 2010) getroffen. Wie ihrem Vorwort zu entnehmen ist, folgte sie dabei bewusst keiner medialen Hierarchie und bezieht Publikumszeitschriften ebenso ein, wie angesehene Tageszeitungen oder auch Fachzeitschriften, durch die Schlingensiefs einzigartiges Verständnis von künstlerischer Arbeit sowie die wichtigsten Stationen seiner Künstlerbiografie sofort wieder lebendig werden.

Kaum jemand so viel nichts erlebt, wie Christoph Schlingensief

Und so vermittelt „Kein falsches Wort jetzt“ einen sehr guten Eindruck vom sich selbst oftmals überfordernden Schlingensief, der sagte, er habe nichts erlebt in seinem Leben, aber „immer alles behauptet, zur Not mit den Worten anderer.“ Schwierig, jemanden zu finden, der genauso oder auch nur annähernd so viel nichts erlebt hat, wie er mit all seinen Filmen, Theaterarbeiten, Installationen, seiner gegründeten „Chance 2000“ Partei, seinen TV-Formaten „Talk 2000“, „U3000“, „Freakstars 3000“, seiner Wagner-Inszenierung in Bayreuth, seiner Wiener „Ausländer raus“- Containeraktion, seine „Kirche der Angst“, seinem „Operndorf Afrika“, …

Christoph Schlingensief: Überforderung als Antrieb, Scheitern als Chance

Christoph Schlingensief Kein falsches Wort jetzt Cover Verlag Kiepenheuer & Witsch

Überforderung sah Christoph Schlingensief als Antrieb und ergriff immer die Chance, „das Gegenteil von dem zu behaupten, was alle erwarten. Den einen Schritt weiter zu gehen, als einem die Vernunft rät.“ So schreibt es Aino Laberenz in ihrem Vorwort zu „Kein falsches Wort jetzt“ – und belegt diese Äußerung anhand der von ihr ausgewählten Gespräche und Interviews trefflich.

Christoph Schlingensief war niemand, der etwas als gegeben hinnahm – mochte das auch noch so oft und noch so sehr nach „mit dem Arsch einreißen“ ausgesehen haben. Es wurde eingerissen, ja. Komplett zerlegt und über den Haufen geworfen: Alles, um Platz für Neues zu machen – nicht zwingend Besseres. Konstruktives Einreißen statt dekonstruktives Beibehalten. Flexibel bleiben. Sich einlassen. Sich aussetzen. Sich widersetzen – auch und oft genug gegen sich selbst. Sich ausprobieren. Immer wieder neu justieren. (Weiter)Denken. Egal, in welche Richtung. Denn die war ja letztendlich auch immer nur Etappe, nie Ziel. Wenn es denn eines gab, dann das, nie auserzählt zu sein, immer anschlussfähig zu bleiben, sich selbst und seine Arbeiten nie abschließend erklären zu können. Scheitern war dabei stets kalkulierter, möglichkeitsweitender Bestandteil des Wirkens von Christoph Schlingensief, der den Ausdruck „Scheitern als Chance“ prägte.

Von brachialer Zärtlichkeit

Was die Gespräche in „Kein falsches Wort jetzt“ überdies vermitteln, ist ein Eindruck davon, wie reflektiert er war, wie kritisch und unerbittlich. Nicht nur, aber vor allem mit sich selbst.

“Weil man auf beiden Seiten Feinde hat. Die angeblich Linken, die den kritischen Diskurs mit Widerstand verwechseln, und die Rechten, die es volkstümlich wollen. Beide Seiten hängen mit so einem Gutmenschdenken drin und glauben immer, ihr Standpunkt sei sowieso schon mal der bessere – und so müssen wir nur gucken, wer den nicht hat, dann wissen wir schon, wer doof ist. Das ist genau die Arroganz, die das Ganze uneffektiv werden lässt. Nein, man muss sich schon selber, bei dem, was man da macht, richtig hassen. Und ich kann garantieren, dass ich das mehr als genug gemacht habe.“

(Christoph Schlingensief „Kein falsches Wort jetzt“)

Und man kommt nicht daran vorbei, zu bemerken, welch brillanter Zuhörer Christoph Schlingensief war. Einer, der sich nicht nur die Kritik, sondern immer auch die Bewunderung bewahrte, das Staunen, das Interesse, die Zärtlichkeit, die Begeisterung – und der die Worte fand, all dem Ausdruck zu verleihen. Mal brachial, mal zärtlich, mal gar nicht – und selbst dann. Immer „Kein falsches Wort jetzt“. Egal wann.

Alle von allen Sternen (plus 1)

Christoph Schlingensief: „Kein falsches Wort jetzt“, Kiepenheuer & Witsch, Herausgegeben von Aino Laberenz mit einem Nachwort von Diedrich Diederichsen, Hardcover, 336 Seiten, ISBN: 978-3-462-05508, 23 € (Beitragsbild: Buchcover)

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