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5. April 2026Das Chanson – eine etwas biedere, rein französische Angelegenheit? Ein neues Buch erklärt 100 Lieder des Nachbarlandes. Und erzählt ganz viel mehr.
von Werner Herpell
„Das Lied kennt in Deutschland kaum einer“, so oder ähnlich wird in diesem Buch dann und wann sachte angedeutet, dass das französische Chanson beim östlichen Nachbarn insgesamt keinen allzu hohen Stellenwert besitzt (auch wenn die Trefferquote inzwischen besser wird). Was in Frankreich ein riesiger Sommerhit war, vielleicht auch ein innig geliebtes Stück, das eine Ära definierte, oder gar ein Nationalheiligtum wie Edith Piafs titelgebendes „La Vie en rose“, wird hierzulande gern als musikalisch bieder und bedeutungslos abgetan oder als charmante kleine Extravaganz aus „Fronkreisch“. Kann man sich dieses Buch des Auslandskorrespondenten der Deutschen Presse-Agentur (dpa), Christoph Sator, daher sparen? Mais non – keineswegs! Man würde viel verpassen.
Es geht um Musik – und ganz viel um Frankreich
Denn der nahe der französischen Grenze aufgewachsene Journalist versucht erst gar nicht, mit strenger Musikkenner-Attitüde die 100 besten oder wichtigsten Chansons zu Tode zu analysieren. Dann wäre sein Buch eine recht öde und eintönige Angelegenheit, man würde vor allem über Edith Piaf, Jacques Brel, Charles Aznavour, George Brassens, Juliette Greco, Gilbert Bécaud und Serge Gainsbourg lesen (die natürlich alle vorkommen) und hätte mit deren fabelhaften Liedern die 100 schon fast beisammen. Nein, hier geht es, wie der Untertitel sagt, um „Frankreich in 100 Chansons“. Also um Lieder (reden wir nicht von Songs, das mögen die dem britisch-amerikanischen Pop reserviert gegenüberstehenden Franzosen nicht so sehr), die viel über dieses wunderbare Land, seine Menschen und sein Wesen, Politik und Geschichte, Gesellschaft, Moral und Marotten erzählen.
In unzähligen augenzwinkernd humorvoll bis zutiefst berührend erzählten Geschichten auf zwei bis fünf Seiten pro Lied breitet Christoph Sator vor uns aus, wie jedes einzelne dieser 100 Chansons seiner subjektiven, nicht chronologischen Auswahl im Leben der Franzosen Bedeutung erlangt hat und teilweise bis heute bestimmte Zeitphänomene abbildet. Vom „One-Hit-Wonder“ (pardon…!) bis zum Fließbandlieder-Lieferanten, vom „französischen Sinatra“ (Aznavour) über den Dichter mit Gitarre (Brassens) und das ewige Enfant terrible (Gainsbourg) bis zum Rock-Chanson-Schönling (Johnny Hallyday) sind viele unterschiedliche Künstlertypen mit einem, zwei, maximal drei besonderen Stücken vertreten. Das älteste stammt aus dem Jahr 1930 („Parlez-moi d’amour“ von Lucienne Boyer, man siezte den Geliebten damals noch), das neueste von 2023 („La Symphonie des éclairs“ von Zaho de Sagazan).
Knapp ein Jahrhundert des Chansons
Insgesamt also knapp ein Jahrhundert des Chansons, von der Vorkriegs- und Kriegszeit („La Vie en rose“ erschien 1945) bis in die derzeitigen Regierungsjahre von Emmanuel Macron. Es gibt dabei viele Kuriositäten zu entdecken. Wussten Sie etwa, dass die kapriziöse, Deutschland zunächst von Herzen abgeneigte Sängerin Barbara 1964 mit ihrem Chanson „Göttingen“ viel für die noch junge Freundschaft der lange verfeindeten Nachbarländer getan hat? Oder dass Jacques Brel, der sich in „Ne me quitte pas“ als um Liebe winselnder Mann gab, in Wirklichkeit ein arger Macho war? Oder dass der anerkannte Modernisierer des Chansons, Benjamin Biolay, sich vom Altmeister Aznavour anhören musste: „Aber ich kann nicht erkennen, was daran neu sein soll. So haben alle Chansonniers zu allen Zeiten gearbeitet. Man kann das Chanson nicht noch einmal neu erfinden.“ Mon dieu!
Wer in diesem wunderbar leichthändig und klischeefrei, voller Liebe zu Land und Leuten geschriebenen Buch die bedeutendsten Chansonniers aller Zeiten sucht, wird sie finden, und manche Leichtgewichte, Genre-Grenzgänger und Teilzeit-Sänger (etwa Romy Schneider & Michel Piccoli mit „La Chanson d’Hélène“) auch. Die französischsprachige Pop-Moderne der späten 70er- und 80er-Jahre ist mit Plastic Bertrand, Les Rita Mitsouko, Desireless oder Jeanne Mas ebenso vertreten wie zeitgenössische, tatsächlich nun auch international erfolgreiche Musiker dieses Jahrhunderts wie Zaz, Camille oder Stromae. Die Texte der vorgestellten Lieder sind kompetent übersetzt, was ihnen oft, aber längst nicht immer zugute kommt – wie das bei populärer Musik eben so ist.
Christoph Sator mit breit angelegtem Genre-Begriff
Christoph Sator, der inzwischen für die dpa in Rom arbeitet, offenbart einen breit angelegten, zum Glück also überhaupt nicht angestaubten Chanson-Begriff, der auch Hip-Hop, Punkrock, Worldmusic, Filmmusik und Avantgarde umfasst. So wird aus „La Vie en rose – Frankreich in 100 Chansons“ ein veritables neues Standardwerk und großes Lesevergnügen gleichermaßen. Wenn es an diesem mit 365 Seiten freilich ohnehin schon umfangreichen Buch etwas zu kritisieren gibt, dann das Fehlen von Bildern – man hätte sich all diese Sängerinnen und Sänger, die hierzulande ja oft kaum bekannt sind, gern mal angeschaut. Anhören kann man sich die 100 Chansons allerdings, mittels „Playlist zum Buch“.
Christoph Sator: „La Vie en rose – Frankreich in 100 Chansons“, Kiepenheuer & Witsch (KiWi), Taschenbuch, 365 Seiten, 978-3-462-01060-2, 14 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)




