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3. Februar 2026In der Oral History „Fast Weltweit – Wie die Hamburger Schule in Ostwestfalen erfunden wurde “ setzen sich die Macher von einst selbst ein Denkmal
von Gérard Otremba
Hamburg hat sie berühmt gemacht, die Keimzelle indes liegt woanders. In Ostwestfalen. Genauer gesagt in Bad Salzuflen und Umgebung. Dort kommen sie her: Bernd Begemann, Frank Spilker (Die Sterne), Jochen Distelmeyer (Blumfeld) und Bernadette Hengst (Die Braut haut ins Auge). Nach ihrem Umzug nach Hamburg wuchs der Bekanntheitsgrad dieser Musiker, aber die ersten Schritte erfolgten in der ostwestfälischen Provinz, in der Garage von Frank Werner in den 80er-Jahren. Dort trifft man sich, dort nimmt man Songs auf, die seit 1982 auf dem Label „Fast Weltweit“ in erster Linie auf Kassetten vertrieben werden. Ein kleiner, feiner Gegenpol zum Mainstream zwischen NDW und Deutsch-Rock.
Fast Weltweit:Unterschiedliche Ausrichtungen
In seinem Buch „Fast Weltweit – Wie die Hamburger Schule in Ostwestfalen erfunden wurde“ schreibt der Journalist Christof Dörr lediglich das Vorwort und lässt anschließend die Beteiligten von damals in einer Oral History zu Wort kommen. Alle, bis auf Jochen Distelmeyer, was schade ist, aber eine eigene Geschichte erzählt. Aber Werner, Spilker, Begemann, Hengst, Michael Girke (Jetzt!), Achim Knorr, Andreas Henning, Mijk van Dijk, Thomas Wenzel und TT Geigenschrey geben tiefe, illustre, witzige und erhellende Einblicke in einen kleinen Kosmos mit großer Wirkung. Ein Kosmos mit durchaus unterschiedlichen musikalischen Ausrichtungen, wie sich Frank Spilker erinnert:
„Bei Jochen Distelmeyer war es eigentlich die ganze Fast-Weltweit-Zeit hindurch recht folkig, erst englischsprachig, dann Deutsch. Die Bands von Andreas Henning, The Toll und Die Time Twisters, waren sehr britisch orientiert, die haben Mod-Musik gemacht und die Veröffentlichungen von Creation Records bewundert (…) Bernd ist ja ein verkappet großer The-Smiths-Fan, obwohl er darüber nicht redet. Er hat seine 50er-Jahre-Vorbilder (…), was er auch sehr dogmatisch gemacht hat. In Hamburg hat es dann allerdings mit Die Antwort auch eher Mod-Musik gemacht.“
Später Ruhm für Michael Girke
Ebenfalls zu Wort kommen die Grether-Schwestern Kersty und Sandra (The Doctorella), die essentielle journalistische Arbeit für das Label Fast Weltweit sowie die Hamburger Schule leisteten. Während Distelmeyer, Spilker und Begemann (der schon recht früh nach Hamburg zog) in der großen Stadt an der Elbe zu Ruhm und Ehren kamen, blieb der Name Michael Girke lange Zeit weithin unbekannt. Erst mit dem 2017 bei Tapete Records veröffentlichten Sampler „Liebe in GROSSEN Städten“ und den darauffolgenden Jetzt!-Alben „Wie es war“ (2019) sowie „Können Lieder Freunde sein?“ (2022) stand auch Girke endlich im Mittelpunkt. So, wie als wichtiger Protagonist in Dörrs Buch. In dem sich die Bad Salzufler Indie-Gemeinde von damals selbst ein würdiges Denkmal setzt. Sich und dem Label Fast Weltweit, ohne dessen Existenz die deutsche Musikgeschichte der letzten 35 Jahre wohl etwas anders verlaufen wäre.
Christof Dörr: „Fast Weltweit – Wie die Hamburger Schule in Ostwestfalen erfunden wurde“, Verlag Andreas Reiffer, Hardcover, 320 Seiten, 25 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)





