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24. April 2026Musikerin und Schauspielerin Christin Nichols im Interview mit Sounds & Books über ihr neues Album und das, was sie ausmacht
Interview von Nora Jarach
Am 24.04.2026 erschien das neue, nach ihr benannte und von Sounds & Books besprochene Album “Christin Nichols”. Das Album spiegelt sie wieder, das was sie ausmacht. Es handelt von Selbstzweifeln und der Schwierigkeit, wie sie sich in der Welt zurechtfindet, aber sie baut sich trotzdem immer wieder auf, kann zur Selbstliebe finden und schafft es einen positiven Blick auf Dinge zu haben.
Wir war der Entstehungsprozess des Albums? Hattest du bestimmte Schwierigkeiten oder etwas das dir besonders gut gefällt?
Christin Nichols: Ich nenne das, was ich mache Hopecore, obgleich es diese harten Zeiten gibt, sich immer wieder selbst zu ermächtigen und sich am Schopf aus allem rausziehen; in den Hedonismus, in die Hoffnung, in die Euphorie. Für mich ist das meine Lebensgeschichte, ich glaub da können sich viele Menschen drin wieder erkennen. Ich schreib sehr intuitiv, nehme viel wahr die ganze Zeit und fühle viel. Dadurch sind immer Ideen da, Themen, die mich beschäftigen, wie z.B. den Zusammenhalt zwischen Frauen; viele feministische Themen sind auf dem Album, oder auch einfach einen Abend mit Freunden, der zum Song “Chelsea Boots” geführt hat.
Auch als ich unterwegs war am Königssee, einem der wohl schönsten Orte Deutschlands, wo man sich eigentlich wohl fühlen sollte und alles schön sein sollte, habe ich den Song “Alles ist falsch“ geschrieben, weil sich alles in meinem Leben plötzlich falsch angefühlt hat. Der Entstehungsprozess war sehr fließend und hat keine Schwierigkeiten bereitet, aber die Themen reichen, von Amplitude 0 bis Amplitude 100, es ist immer ein großes Gefühlsspektrum.
Die Albumthemen
In deinen Songs geht es oft um Feminismus, aber auch um Misogynie, sexualisierte Gewalt und deine Gedanken zum Patriarchat. Davon handeln deine Songs „Andere Frauen“, „Keine Kontrolle“ und „Spotlight“. Haben diese Themen dich schon immer geprägt und wieso ist es dir wichtig darüber zu sprechen?
Christin Nichols: Wenn man als Frau, als Mensch auf dieser Welt ist, bleibt es nicht aus, dass man sich mit diesen Themen beschäftigt, ob sie einen betreffen oder weniger betreffen. Jeder, der sagt ich bin passiv bei Themen, die alle betreffen, nimmt einen aktiven Gegenpart ein. Deshalb ist mir immer ein tieferes inneres Herzensbedürfnis, ohne dabei eine Agenda zu haben, oder etwas da sich vermitteln will, über Themen, die mir wichtig sind zu sprechen. Das ist unter anderem starker Zusammenhalt zwischen Frauen, um sich nicht mehr spalten zu lassen.
Ich bin Millennial und bin aufgewachsen in einer Zeit mit Germanys Next Topmodel, in sämtlichen Filmen ging es darum, dass Frauen sein sollten, einen Mann heiraten sollten und dass Frauen immer gegeneinander Zickenkriege ausgeführt haben. Da haben wir auch die Ära der Pick-Me Girls erfunden. Man hat das dann auch abgelegt, weil man verstanden hat, es ist eigentlich nur ein Werkzeug des Patriarchats, Frauen gegeneinander auszuspielen.
Wenn wir zusammenhalten, sind wir mächtig und ich sing in dem Song „Andere Frauen“, ich bin genau wie andere Frauen, weil ich einen Ex hatte, der meinte “Du bist ganz anders als andere Frauen“. Ich dachte “Nein, das ist falsch, ich will auch nicht anders sein, ich will genau so sein wie andere Frauen, ich liebe andere Frauen“. Dann gibt es Themen wie in „Keine Kontrolle“, wo ich über PMDS spreche, eine sehr schwere Form von PMS. Das sind nicht Stimmungsschwankungen im Zyklus, sondern das ist eine hormonelle, neurologische Erkrankung der Transmitter im Gehirn; hormonell bedingt und ausgelöst. Diese kann teilweise tödlich und mit hoher Suizidrate enden. Betroffene sind oft fehldiagnostiziert mit Borderline-Depressionen oder verfallen Alkohol und Drogen.
Mich erschüttert, dass sehr wenig für Frauengesundheit getan wird und wie wenig es Aufklärung gibt für Frauen, um sich eben selbst zu ermächtigen. Es gibt, wie gesagt, auch Songs wie “Chelsea Boots“ wo man denkt „Boah ich seh so geil aus, ich hab die geilsten Schuhe, ich liebe meine Leute, lass mal einen trinken, heute ist wirklich alles gut“. Das sind die Themen, um die es geht, die passieren mir einfach, weil es mein Leben ist.
Christin Nichols und die Musikindustrie
Hattest du das Gefühl, dich als Frau in der Musikindustrie beweisen zu müssen?
Christin Nichols: Nein, das hab ich nicht. In gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen werden Frauen oft stark benachteiligt, man hört es im Internet und dann kommen getriggerte Menschen, meist Männer, und sagen, dass es nicht so ist, denn vom Gesetz sind alle gleich. Das ist Schwachsinn! Nur weil das auf dem Papier steht, heißt es lange nicht, dass es in der Umsetzung so stattfindet oder auch in den Köpfen der Menschen bereits so stattgefunden hat, zumindest bei vielen noch nicht.
Ich persönlich in der Musikindustrie, auch in der Filmindustrie, in allem, was ich mache, habe nicht das Gefühl, das ich benachteiligt werde. Ich hab noch nie einen Gender-Pay-Gap erlebt, ich habe noch nie in der Musikbranche Übergriffigkeiten in gewaltvoller sexualisierter Art erlebt. Im Gegenteil, ich hab das Gefühl, das gerade gut zusammengehalten wird, das unter Frauen in der Community gut zusammengehalten wird, auch mit Männern. Ich wünsche mir natürlich das große Festivals grundsätzlich den Satz “Wir haben keine anderen Frauenbands gefunden“, nochmal überdenken. Ich hab auch nicht mehr die Zeit, alten weißen Männern zu erklären, “Hallo, wacht doch bitte mal auf und macht auch wirklich die Gleichberechtigung, von der wir alle angeblich schon genug haben, weil’s auf einem Blatt Papier steht“.
Ich hab auch eine Band, mein Team ist zwischendurch auch weiblich besetzt, aber es hat sich ergeben, dass meine Band aus Jungs besteht, mein Management ist männlich und mein FOH ist männlich gelesen. Das sind tolle Menschen, sehr liebevolle, aufgeklärte, herzliche Leute.
Die positive Einstellung von Christin Nichols
Du hast auch mehr aufbauende Songs wie “Chelsea Boots” oder “Cheerleader”. Wie hast du es geschafft diese positive Einstellung zu haben?
Christin Nichols: Weil ich muss, weil es sonst nicht weitergeht. Jeder kennt glaub ich diese Zeiten, diese Momente, diese Abschnitte im Leben, wo man denkt, es läuft nicht so wie man es wollte, wo man sich über Dinge ärgert, man kommt nicht richtig raus. Und dann kannst du dich hinlegen, eine Weile geht das und sagen so ist es, aber dann, wenn man sich fürs Leben entscheidet, macht es Sinn, sein eigener Cheerleader zu sein, sich da wieder rauszuziehen. Am Ende, so furchtbar viel Überwindung das erstmal kostet, lohnt es sich meistens, weil das Leben in all seiner Schrecklichkeit wunderschön ist.
In deinen Songs „Untersterblich“ oder „Keine Depression“ geht es auch darum, dass du dich immer wieder aufbaust, nachdem du am Boden warst und für dich selber einstehst, wenn dir jemand nicht guttut. Hilft dir deine Musik dabei, diese Kraft zu finden, um zu sagen “Hey ich mach das nicht mehr mit“?
Christin Nichols: Ich glaube das bedingt sich gegenseitig. In „Unsterblich“ geht es um das Ende einer Beziehung, wie man sich fühlt nach einer schwierigen Trennung, egal aus welchen Gründen und sich wieder spürt, sagt, ich hab das jetzt überwunden, mir geht es gut. Und das ist ein unglaubliches Gefühl, wieder man selber zu sein und sich alle seine Macht, sein selbst zurückzuholen und nicht mehr durch Traurigkeit fremdbestimmt zu sein.
In “Keine Depression“ geht es um was ähnliches, nämlich das man in einer furchtbaren Verbindung war und sich dachte “Klar, ich hab ne Depression, ich bin schuld; was auch vielen Frauen indoktriniert worden ist, erstmal die Schuld bei sich zu suchen, anstatt zu gucken vielleicht ist mein gegenüber einfach scheiße. Wo sich am Ende rausstellte, nach diesem Befreiungsschlag, ich glaub ich hab gar keine Depressionen, ich glaube das warst einfach du“. Das ist ein hoch feministischer Impuls, was mir aber erst später bewusst geworden ist, gar nicht im Machen, nicht im Verstand, sondern erst viel später im Draufblick. Man frisst die Wut nach innen, obwohl jemand anders Schuld ist. Der Song ist ein bisschen überspitzt und das tut gut.
Grenzen zu setzen, das ist ganz wichtig!
Der Gitarrensound
Deine Musik und auch dein Album sind sehr vom Gitarrensound geprägt, der starke Töne hat, aber auch vom Keyboard und vom Klavier, die beide sehr melodisch sind. Diesen Stil entwickelst du schon seit den Anfängen deiner Karriere. Hat sich das automatisch so entwickelt, dass es das ist, was am besten zu deiner Musik passt, oder hattest du Einflüsse von anderen Künstlern?
Christin Nichols: Mein Stil entwickelt sich organisch aus mir raus, ich hab nie ne Agenda gehabt und wollte nicht, dass Leute ein bestimmtes Bild von mir haben. Ich denk gar nicht drüber nach wie etwas wirkt was ich tue, sondern mach das pur aus dem heraus, was ich bin. Das jetzige Album ist sehr viel stärker Gitarren-lastiger, sehr viel roher. Ich hab auch während des Produktionsprozesses gesagt “Ne, wir nehmen die Gitarre nicht nochmal neu auf, ich finde das genau richtig“.
Es ist einfach menschlich, wenn mir in dem Moment z.B. ein Umgriff um eine Millisekunde verrutscht ist und das finde ich schön! Mich interessiert am Menschen nicht das perfekte und glatte und dementsprechend in der Musik, sondern das echte, das haben wir hiermit eingefangen. Obgleich es noch Pop-Sounds draufgibt, eingängige Melodien, weil mir das selbst Freude macht. Ich schreib mir, ehrlich gesagt, die Songs, die ich selbst hören will und die habe ich auf mein Album gepackt.
Die britischen Wurzeln
Du hast auch britische Wurzeln. Würdest du sagen, dass das den Sound beeinflusst?
Christin Nichols: Sicherlich! Musik als der verlängerte Arm der eigenen Persönlichkeit und somit auch der eigenen Erfahrung. Klar ist das ein Riesenteil von mir, ich bin halb Britin, ich bin britisch aufgewachsen, britisch sozialisiert. Ich hab immer noch sehr viel Kontakt mit meiner Familie in England und bin da regelmäßig, ich lieben diesen Teil meiner Identität. Natürlich war ich bei Oasis letztes Jahr. Es war absurd, es war unglaublich. Auch Richard Ashcroft von The Verve war absurd. Seine Helden aus der Jugend zu sehen ist unglaublich.
Du hast mit Steffan Ernst zusammengearbeitet, “Bittere Pillen“ mit Gwen Dolyn und “Ich weiß“ mit Stefen Israel. Wie entscheidest du, mit wem du zusammen arbeitest und wer zu deiner Musik passt?
Christin Nichols: Ich entscheide wieder mal mit dem Herzen! Das sind alle drei Menschen die ich sehr gerne hab, mit denen ich weiß, dass es mir gut geht und dass ich eine gute Zeit verbringen kann. Das sind auch alles drei Menschen, die ich nicht nur sehr für ihre Persönlichkeit, sondern auch für ihre Kreativität sehr schätze, die ich spannend finde. Gwen und ich habe einfach mal gesagt, wir wollen unbedingt was zusammen machen und dann ist dieser Song rausgekommen, über den ich auch sehr froh bin, weil das nochmal ein anderer Sound ist zu dem was ich sonst auf dem Album habe.
Der Einfluss geht schon fast ins Techno-lastige, das fand ich ganz toll und aufregend. Mit Steffen war ich im Studio, der ist ein virtuoser Gitarrist. Wahnsinn, was der in kürzester Zeit geschrieben hat, da war ich super happy, dass der dabei war. Mit Stefan Ernst arbeite ich zum dritten Mal, der hat bisher alle meine Alben mit mir produziert. Wir sind ein altes Arbeitsehepaar, was perfekt zusammenpasst. Live ist er auch mein Gitarrist auf der Bühne.
Freut mich, dass du dein Team für dich gefunden hast, dann macht es auch mehr Spaß!
Christin Nichols: Total, das ist Lebenszeit. Ich hab mich für diesen Weg als Künstlerin entschieden, der sehr viel Unsicherheiten mit sich bringt, der kein 9-5 Job ist. Aber es entlohnt immer wieder alles was daran negativ sein könnte, wenn man machen kann, was man liebt, mit Menschen, die man liebt und schätzt, mit tollen Leuten, vor tollen Fans.
Du bist auch Schauspielerin. Beeinflusst dein Schauspieler Dasein deine Musik oder umgekehrt?
Christin Nichols: Nein, gar nicht. Ich glaube, das, was es verbindet bin ich, weil ich immer bin, die das macht. Ich hab Schauspiel auch studiert, gelernt und arbeite aktiv in meinem Beruf. Ich sage immer, in der Musik kann ich das machen, was ich will, da bin ich komplett ich selbst, da bin ich komplett frei mit allem, ob ich schreibe, produziere, wenn ich live spiele, das ist ein riesen Privileg. Im Schauspiel hab ich wiederum das große Privileg, jemand anders sein zu dürfen, was auch sehr schön sein kann.
Da liegen, glaube ich, die Unterschiede, aber auch die Verbindungen in den Berufen. Ich würde aber nicht sagen, dass sie sich gegenseitig beeinflussen, da es zwei sehr unterschiedliche Handwerke sind. Ich vergleiche das immer gerne mit “Das eine ist der Friseur, das andere ist der Bäcker. Das sind zwei Handwerke, ich mache sie beide, aber das beeinflusst sich an sich nicht wirklich“.
Christin Nichols auf Tour
Du meintest, wie toll es ist, vor Fans zu spielen. Auf was freust du dich denn am meisten, wenn du tourst?
Christin Nichols: Auf Tour gehen, ist ein elektrisierender Zustand. Das fühlt sich an wie Klassenfahrt mit meiner Band, mit meinen Leuten, es immer aufregend. Es ist schön, jeweils in der neuen Stadt aufzuwachen, wieder loszufahren, in der anderen Stadt anzukommen, neue Songs auszuprobieren, die Leute vor den Hallen zu sehen und Fans zu treffen. Fans, die öfter schonmal geschrieben haben auf Social Media, lernt man endlich kennen. Das ist wie ein Dialog, den man hat, miteinander, man ist auf der Bühne, die Band und ich viben erstmal zusammen, dann aber auch mit den Leuten. Das ist wunderschön! Danach am Merch zu sein und mit den Leuten zu reden, wir trinken meistens auch ein Bierchen mit den Fans oder dem Publikum, ist einfach das Schönste. Da weiß man, wieso man das macht.
Willst du denn schon verraten, ob es eine Überraschung gibt, auf die deine Fans sich freuen können auf der Tour?
Christin Nichols: Ich kann für die Berlin-Show (02.05.2026) verraten, dass wir Gäste dabeihaben, Johannes von der Band Frittenbude und Johannes von der Band Milliarden. Das sind befreundete Bands von mir, mit denen ich auch schon Features gemacht habe, die werden mit dazukommen und Songs mitperformen.
Für den Abschuss, hast du Worte, die du an zukünftige Musiker oder auch Schauspieler, mitgeben willst?
Christin Nichols: Das Wichtigste ist, dass ihr glücklich seid und dass es euch gut geht mit dem, was ihr macht. Das ist nicht wichtig, ob Leute euch abfeiern, das ist nicht wichtig, ob ihr krasse Deals kriegt oder wahnsinnig erfolgreich seid, wenn ihr euch entscheidet, in die Kunst zu gehen. Vertraut euch, es ist gut, weil ihr es macht, weil ihr es seid.
(Beitragsbild von Bella Lieberberg)




