Christiane Neudecker: Meine Top-Ten-Alben

Christiane Neudecker: Meine Top-Ten-Alben

Die Schriftstellerin Christiane Neudecker stellt bei Sounds & Books ihre zehn Lieblingsalben vor

Exklusiv bei Sounds & Books stellt die Schriftstellerin Christiane Neudecker ihre Top-Ten-Alben vor. Die Berliner Autorin, die uns 2019 mit dem mitreißenden, beim Luchterhand Literaturverlag veröffentlichten und bei S&B an dieser Stelle rezensierten Roman „Der Gott der Stadt“ beschenkte, folgt somit ihrem Kollegen Rolf Lappert, den wir zuletzt in dieser Rubrik zu Gast hatten. In ihrer Auswahl nimmt uns Christiane Neudecker auf eine persönliche Musik-Erinnerungsreise mit. Sounds & Books wünscht viel Vergnügen mit der Liste der

Top-Ten-Alben von Christiane Neudecker

Unmöglich ist das! Zehn Alben auswählen, zehn Lieblingsalben – das geht gar nicht! Zehn Songs wären schon schwierig genug, aber Alben? Wie soll man denn da die Maßstäbe ansetzen, was ist es, das zählt? Die Anzahl der Songs, die man auf dem Album auch heute noch hört? Die Tiefe der Erinnerungen, die man mit den Melodien verknüpft? Konzerte, die man wegen der Songs besucht und nie wieder vergessen hat? So viele – einander widersprechenden – Kriterien könnte man anlegen. Und jedes Mal sähe die Liste anders aus. Genauso sähe sie anders aus, wenn man mich in einem anderen Jahr, einem anderen Monat, papperlappapp, an einem anderen Tag fragen würde.

Hier also ungeordnet zehn Alben, die sich mir aus unterschiedlichsten Gründen ins Herz gespielt haben. Aber es gäbe noch andere, viele.

Hozier: Wasteland, Baby!

„Movement“ hat mich gerettet. Einen Roman zu schreiben, ist ein Marathon. Einen so dicken und dunklen Roman wie „Der Gott der Stadt“ zu schreiben, kann auch – nach vier Jahren Arbeit – knapp vor der Ziellinie plötzlich unmöglich erscheinen. Aber ich hatte Glück: mitten in meine abgrundtiefe Erschöpfung und in meine Schlaflosigkeit hinein erklang dieses Lied. Es ging eine Kraft von ihm aus, die mir half, die letzten Wochen dieses Langstreckenlaufs zu überstehen. Ich hörte es in Endlosschleife, schleppte mich zu Hoziers Konzert, das nur zwei Tage später in der neueröffneten Verti-Music-Hall stattfand.

Und irgendwo in diesen Klängen fand ich den Mut und die Kraft und die Hoffnung, die ich brauchte, um das Manuskript zu vollenden. Das Album „Wasteland, Baby!“ kam dann ein paar Wochen später heraus, als ich bereits an der Überarbeitung zur Endfassung saß. Ich war in einem Tunnel, in dem nur noch zwei Dinge zulässig waren: mein Text – und Hoziers Stimme. Talk, Sunlight, Would that I – je nach Stimmung nahm mich ein anderes Lied gefangen, trieb mich ein letztes Mal die finsteren Korridore hinunter, die diesen Roman ausmachen. Ich bin unendlich dankbar, dass es diesen Künstler gibt, der ohne, dass er es weiß, der Halt einer Schriftstellerin und ihres Buches war. Und dessen Melodien mich hoffentlich auch bei künftigen Büchern noch tragen werden.

Throw That Beat In The Garbagecan!: Large Marge Sent Us!

Ich muss nur ein gesungenes Wort, achwas, eine Silbe aus dem Mund von Klaus Cornfield hören und schon bin ich wieder in meiner Jugend. Throw that Beat waren lustig und schräg und tanzbar und verspielt und wir pilgerten ihnen hinterher und wollten so sein wie sie. „Large Marge sent us!“ erschien 1989 und war eine der ersten CDs, die ich besaß. I wish I had a car, Lotsi Go Go Go, You’re exactly what I want kann ich noch heute jederzeit in meinem Kopf abrufen. Und im Sommer kann ich in keinem Freibad herumplantschen ohne nicht einmal grinsend Under water for mich hinzuträllern. Wer gute Laune sucht: hier kann man sie finden, jederzeit.

Alex St Joan: Kick & Rise

Ihre Stimme trägt die Welt. Die australische Songwriterin Alexia Peniguel hat sich noch einmal neu erfunden und nach ihrem Band-Projekt „A Seated Craft“ tritt sie jetzt als Solo-Künstlerin an. „Kick & Rise“ heißt die erste EP, die sie 2019 als Alex St Joan veröffentlicht hat und die man mit ihren wunderschönen Collagen und Erzählungen als Gesamtkunstwerk verstehen kann. Auch eine Nachfolge-EP gibt es schon: If I forgive – und es fällt mir schwer, mich für eine von ihnen zu entscheiden. Den Ausschlag gibt gerade The Heart of it, das ich live schon ein paarmal hören konnte und das die unfassbare Bandbreite ihrer einzigartigen Stimme auffächert. Wobei mich auch Fish Lament fasziniert und bannt, aber das können sie fast alle, diese Peniguel-Lieder, in die man sich hineinsinken lassen kann, bis man irgendwo in der Tiefe auf dem Grund aufstupst – und gar nicht mehr aufsteigen will.

Sonic Youth: Dirty

Wahrscheinlich war es 1992 und wahrscheinlich war es in der Resi: ich bin mir nicht mehr sicher, kann mir nicht mehr sicher sein, so durchgerüttelt war ich von diesem Konzert, so entbrannt war ich vom Anblick und der Stimme der magnetisierenden Kim Gordon. Es ist tatsächlich eins der Alben, bei denen ich mir nicht sicher war, ob sie wirklich auf diese Liste gehören – einfach weil ich es nicht mehr abschälen kann von all den Erinnerungen, die ich damit verknüpfe. Aber „Dirty“ hält stand. 100% katapultiert mich auch heute noch in ein Kraftfeld, das keine andere Band so zu erzeugen verstand und Drunken Butterfly vermag Gefühle ebenso zu bündeln und zu verbrennen wie Orange Rolls Angels’s Spit. Vielleicht für mich heute zu krachig, zu laut – aber mir damals ein Blicköffner für alles, was Musik kann und soll.

Die Postmoderne: Berliner Schule

Jeder von uns hat sie: diese Bands, deren Musik aufleuchtete – und die dann auf einmal vom Erdboden verschwanden. Bis heute denke ich, dass die Postmoderne so endlos mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt hätte. Und frage mich manchmal, was da noch alles hätte kommen können, hätte diese Band nur weiter existiert. Roter Faden ist ein Song, der mir auch heute noch immer wieder in wirren, sich verknotenden Zeiten in den Sinn kommt und mich zum Lächeln bringt. 7 Wochen 7 Tage hat das Zeug zur Hymne, und sei es zur eigenen, persönlichen, mit der man singend um die Häuser zieht.

Keiner wagt einen Schritt geht ans Herz, egal wann man es hört. Mit dem Sänger der Postmoderne, Matthias Lewy, konnte ich sogar einmal am Theater arbeiten: in meiner Diplom-Inszenierung spielte er in Sibylle Bergs „Helges Leben“ den zum Alleinunterhalter verkommenen Tod, den er zum spitzbübischen Leben erweckte. Ich hätte mir noch mehr Songs aus seiner Feder erhofft. Aber so ist seine Band ein Mythos – und Mythen braucht man ja auch.

Alvaro Soler: Eterno Agosto

Gerade jetzt, in einem Jahr, in dem das – mich immer so inspirierende! – Reisen so eingeschränkt ist und war, hat sich mir dieses Album noch einmal in die vorderste Reihe gespielt. Könnte ich den spanischen Sommer in ein Glas füllen, seine Essenz einfangen, in Musik gießen: hier ist sie. Die Leichtigkeit und die Freiheit, das Gefühl, in Andalusien mit meiner Freundin Anne auf der Dachterrasse zu sitzen und auf das nachtdunkle Meer und die Silhouetten der Palmen zu blicken und diese Lieder zu singen, mitzujubeln, lauthals, in die Salzluft hinein, während auf dem Abhang die Lichter des Küstenstädtchens blinken.

Cuando volveras ist für mich ein absolutes Seelenlied, Lucía lässt mich mitwippen egal, was ich tue. El Camino zupft an meinem Herzen, spricht direkt zur inneren Sehnsucht und dem Fernweh. Dass ich ausgerechnet im Herbst 2020, als ich dieses Lied gerade wieder ganz präsent hatte, Alvaro Soler zufällig auf der Straße in Berlin sah, gehört für mich zu einer der verrücktesten und schönsten Erinnerungen dieses Jahres.

Klaus Doldinger: Die Unendliche Geschichte

Filmmusik ist ein Genre, das in seiner Komplexität gerne unterschätzt wird. Bei mir war sie Einstieg in eine lebenslange Faszination. Zwar war ich mit meiner Mutter schon in Opern gewesen (Liebevoll stimmte sie mich vorher darauf ein, dass in Humperdincks Hänsel und Gretel die Kinder von Erwachsenen dargestellt werden würden und ich darüber nicht enttäuscht sein sollte) und ich lernte auch Klavierspielen und sang im Kinderchor. Aber den Rausch, in den einen handlungsverknüpfte Musik versetzen kann, erfuhr ich zum ersten Mal bei Klaus Doldingers Flug auf dem Glücksdrachen.

Ich hatte das Buch gelesen und den Film gesehen und (was heute seltener vorkommt) beides gleichermaßen geliebt – aber die Musik von Doldinger war es, die mich binnen Sekunden zurück nach Phantásien zaubern konnte. Artax‘ Tod, Die Sümpfe der Traurigkeit, Der Elfenbeinturm – die Klänge waren eine Architektur, die die einzelnen Orte sofort zum Aufschimmern brachten. Das ist eine große Kunst. Es gäbe zu diesem Thema noch so viel zu sagen. Auch darüber, wie zerstörerisch falsch gesetzte Musik auf einen ganzen Film wirken kann. Aber das ist ein ganz eigenes Kapitel.

Radiohead: OK Computer

Dass Radiohead für mich auf diese Liste gehören, steht außer Frage. Auch wenn ich auf andere, mir wichtige Namen wie David Bowie oder Sting oder Scott Walker verzichtet habe. Aber die Aufgabe, mich für eines der Alben zu entscheiden, scheint fast unlösbar. The King of Limbs, weil es mich zu dem großartigen Konzert in der Waldbühne zog? Amnesiac, einfach schon alleine für Knives Out? Oder doch gleich einer der Sologänge des für mich genialischen Thom Yorke, Anima, The Eraser? Es ist „OK Computer“ geworden.

Wegen Lucky, wegen No Surprises, wegen Karma Police, wegen Paranoid Android, wegen, ja, wir ahnen es, der Dichte der Songs, die ich jetzt alle in ihrer Gesamtheit aufzählen müsste, bis hin zu der wohlgesetzten Stille dazwischen. Und wegen Thom, Ed, Colin, Phil, Jonny. Und weil es ein Auftakt war, ein Umdenken, eine Gewissheit, dass hier immer wieder Neues kommen würde. Unerwartbares, auf dass ich lauern werde, immer wieder.

Rufus Wainwright: Release The Stars

Es gibt diesen einen Abend, der sich mir eingebrannt hat. Es ist der Abend, an dem ich NICHT mit Rufus Wainwright auf der Bühne stand. Rufus hatte zur Welt-Tournee von „Release The Stars“ einen Wettbewerb ausgerufen: der dramatisch gesprochene Part des Songs Between My Legs, der im Original von der Schauspielerin Siân Phillips eingesprochen wird, sollte in jeder Stadt von einem vorher ausgewählten Zuschauer performt werden. Bewerben konnte man sich per Video auf youtube.

Ich glühte damals so für Rufus Wainwrights Musik, dass ich nicht nur – als wahrscheinlich einzige Person in Berlin – von diesem Wettbewerb wusste, sondern mich natürlich bewerben wollte. Vor dem Konzert in der Volksbühne bat ich also meine Freundin Jule, mich (damals noch so umständlich) per Videokamera aufzunehmen. Weil wir schon dabei waren, drehten wir auch für sie eine Bewerbung mit. Und wir ahnen es: sie wurde ausgewählt. Heute kann ich darüber lachen, damals traf es mich so tief, dass ich eine Magenkolik bekam und nicht zu dem Konzert gehen konnte. Das Album aber liebe ich immer noch.

Fiona Apple: Extraordinary Machine

Auch von ihr war ich besessen. In einer Zeit, in der ich wegen wiederholter Hörstürze nur selten zu Live-Konzerten ging, wurde youtube für mich mein Konzertsaal. Ich folgte Fiona durch die New Yorker Szene, ich inhalierte ihre seltenen Auftritte. Ihr Gastkonzert mit Elvis Costello und dessen „I want you“ jagt mir noch heute Schauer über den Rücken. Ich wartete damals sehnsüchtig auf das neue Album (When the Pawn war Jahre her!), wütete mit anderen Fans über das Plattenlabel, das die schon vorhandenen Songs als „Kommerziell nicht erfolgsversprechend“ einstufte und nicht produzierte.

Free Fiona! war das Gebot der Stunde. Als Extraordinary Machine dann 2005 endlich erschien brachte es mich in einen Zwiespalt: ich fand es großartig! Aber es war stark überarbeitet worden, die Ursprungsversionen, die Jon Brion produziert hatte, waren geglättet. Vielleicht war es das erste Mal, dass ich verstand, wie die Musikindustrie funktioniert. Und ich musste begreifen, dass auch ich als Zuhörerin ein Rädchen bin, in diesem Getriebe. Inzwischen aber erlaube ich mir das: diese Lieder trotzdem zu lieben.

Herzlichen Dank an Christiane Neudecker für die Vorstellung ihrer Top-Ten-Alben bei Sounds & Books. (Beitragsbild von Maurizio Gambarini)

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