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8. Juli 2025Ein tragikomischer und genussvoll zu lesender Familienroman von Christian Schünemann
von Gérard Otremba
Zurück in die 80er-Jahre. Genauer gesagt ins Jahr 1983. Dorthin schickt Christian Schünemann seine Leser mit dem Roman „Bis die Sonne scheint“. Es steht nicht gut bestellt um die finanzielle Lage der in Heilshorn, an der A27 zwischen Bremen und Bremerhaven, um die Ecke von Osterholz-Scharmbek, lebenden Familie Hormann. Das schicke Einfamilienhaus im Grünen, wohin es die Hormanns verschlug, nachdem Vater Siegfried seine Beamtenstelle als technischer Bauzeichner bei der Bremer Oberfinanzdirektion aufgegeben hat, um sein finanzielles Glück in der freien Wirtschaft zu versuchen, verkommt nunmehr zur Fassade. Aber so richtig eingestehen möchte man sich die Pleite der Firma „Hormann Massiv Bau“ nun auch wieder nicht, schon gar nicht den eigenen Kindern gegenüber.
Das dörfliche Biotop
Aber auch dem 15-jährigen Sohn Daniel, aus dessen Sicht Christian Schünemann diese Familiengeschichte zumeist erzählt, entgeht nichts: „Das Bankkonto war gesperrt, wir hatten zu Hause keinen Pfenning mehr, und meine Eltern mussten sich dringend etwas einfallen lassen.“ Und sei es nur das Anschreiben im Laden von Frau Petersen. Aber das Leben muss ja irgendwie weitergehen, auch wenn sich Daniel nun nicht mehr den Gegenbesuch beim französischen Austauschschüler Jean-Philippe, der ihn gefühlsmäßig durcheinandergebracht hat, nicht mehr leisten kann. Wie gut, dass es in seinem Leben aber wenigstens noch Zoe gibt, mit der sich über seine Probleme – so gut wie eben als Teenager so möglich – austauschen kann. Womit Christian Schünemann schon mittendrin in seinem dörflichen Biotop steckt und rund um die Familie Hormann ein schillerndes Figurenensemble baut.
Christian Schünemann und die Rückblenden
Dazu gehört neben Zoe auch ihre einen Chevrolet fahrende Mutter, die, nachdem sie bei einem Unfall das Auto der Hormanns zu Schrott fährt, von diesen aufgrund ihrer Kostüme und Frisuren als „Doris Day von Heilshorn“ verspottet wird. Aber auch der ehemalige Mitarbeiter der Hormann-Firma, Herr Stark, zählt – zwar nur kurz erwähnt – aufgrund seiner tragischen Rolle zu einem nicht vernachlässigbaren Baustein dieser Erzählung. Der 1968 in Bremen geborene Christian Schünemann – bisher literarisch als Krimi-Autor in Erscheinung getreten – verharrt jedoch nicht nur in der 80er-Jahre-Gegenwart des Romans, sondern rollt die Familiengeschichte der Hormanns mit der Geburt von Daniels Oma Lydia im oberschlesischen Krappitz zu Beginn der 20. Jahrhunderts und des weiteren Werdegangs während Nationalsozialismus und Nachkriegszeit mittels eingestreuter, kurzer Rückblenden auf.
Typisch 80er
So lernen die Leser auch Daniels Mutter Marlene in jungen Jahren kennen und auch die Familienhistorie von Daniels Vater Siegfried beleuchtet Schünemann in knapper Form. Für alle, die sich indes noch an die End-Siebziger und Früh-Achtziger erinnern können, gerät Schünemanns Roman „Bis die Sonne scheint“ zu einem kleinen Fest, getriggert durch den Zeitkolorit zwischen „Hörzu“ und „Ein Colt für alle Fälle“, der Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler, dem NATO-Doppelbeschluss und vieler weiterer, typischer Bonmots der damaligen Jahre. Die Hormanns treten am Ende die Flucht Richtung Süden an und fahren hoffnungsvoll so lange, „bis die Sonne scheint“. Ein kurzweiliger, tragikomischer, überaus unterhaltsamer, vielschichtiger und genussvoll zu lesender Roman.
Christian Schünemann: „Bis die Sonne scheint“, Diogenes, Hardcover, 256 Seiten, 978-3-257-07331-7, 25 Euro. (Beitragsbild von Fabian Raabe, Diogenes Verlag)





