Freundschaft, Verrat und das pralle Leben: Chris Kraus sorgt mit „Die Sonne und die Mond“ für ein großes Lesevergnügen
von Gérard Otremba
Sein 2017 veröffentlichtes Buch „Das kalte Blut“ war „ein wahnwitziger, atemberaubender Familien- und Epochenroman zwischen Satire und Tragödie“, wie ich es in meiner Rezension für Sounds & Books bezeichnete. Mithin auch wahnsinnig faszinierend und von Chris Kraus rasant erzählt. Zu satirischen Mitteln greift der Regisseur (u.a. „Vier Minuten“ und „Die Blumen von gestern“) und Schriftsteller in seinem neuen Roman „Die Sonne und die Mond“ erneut zurück. Was schon allein schon dem Job von „die Mond“ geschuldet bleibt. Denn „die Mond“ heißt eigentlich Jana von Mond und hat sich als Comedy-Star im Privatfernsehen einen Namen gemacht. Und sie hat ein Problem, ist doch ihr Ehemann samt seiner Geliebten unter kuriosen Umständen in Italien ums Leben gekommen.
Gegensätzliche Charaktere
Hilfe sucht sie ausgerechnet bei ihrer ehemals besten Freundin Sonja, genannt „die Sonne“, die in Berlin ein Bestattungsunternehmen führt. Sonja hingegen ist alles andere als erfreut, Jana wiederzusehen und möchte den Auftrag eigentlich gar nicht annehmen. Zu tief sitzen noch die Kränkungen nach einem aus ihrer Sicht von Jana begangenen Verrat an der Freundschaft und gemeinsamer Zusammenarbeit, kurz bevor Jana im Comedian-Fach durchstartete. Aber Sonja ist kein Unmensch, lässt sich letztlich weichklopfen, zumal Jana einen guten Draht zu ihrem jungen Sohn Nicky entwickelt. Chris Kraus stellt in „Die Sonne und die Mond“ zwei ungleiche Charaktere in den Mittelpunkt. Auf der einen Seite die schon in der Schule aufgrund ihrer Extrovertiertheit auffallende, immer wieder mal fünf gerade lassende, unbequeme und unangepasste Jana.
Auf der anderen Seite die eher korrekte und vorsichtige, mehr auf ihren Kopf als auf ihren Bauch hörende, schon als Klassensprecherin immer mal wieder mit gedrechselten Sätzen für Furore sorgende Sonja. Und dazwischen Sonjas Mitarbeiter Samuel, der Janas Charme verfällt. Alle drei indes verbindet der frühe Verlust ihrer Eltern.
Chris Kraus feiert das Leben
Als Sonja durch die Auftragsannahme Jana wieder in ihre Nähe lässt, öffnet sie gewissermaßen die Büchse der Pandora. Jedenfalls ändert sich in naher Zukunft gewaltig viel in ihrem Leben. Sonja und Jana ziehen sich an und stoßen sich ab wie die Sonne und der Mond und müssen mit ihren Traumata aus der Vergangenheit klar kommen. Der Tod seiner Frau Uta Schmidt sowie die Gespräche mit ihrem Bestatter waren der Auslöser für den neuen Roman von Chris Kraus. Der Tod ist also allgegenwärtig in „Die Sonne und die Mond“.
Dass der Roman allerdings nicht zu einem deprimierenden Trauerspiel verkommt, dafür sorgt Chris Kraus mit skurrilen Einfällen und einem von Loriot und dem britischen Humor inspirierten Witz. Pointierte Dialoge und der elanvolle Erzählstil machen „Die Sonne und die Mond“ zu einem großen Lesevergnügen. Die Protagonisten im neuen Roman von Chris Kraus kommen nicht unversehrt davon, aber die teils bösen Schrammen bedeuten auch Leben und letztendlich feiert dieser Roman genau das: Das Leben.
Chris Kraus: „Die Sonne und die Mond“, Diogenes, Hardcover, 608 Seiten, 978-3-257-07347-8, 25 Euro. (Beitragsbild von Maurice Haas)
