CD-Kritik zu Bruce Springsteen: Wrecking Ball

Mit Wrecking Ball legt Bruce Springsteen ein famoses neues Album hin

von Gérard Otremba

Eine Springsteen-Platte ist eine Springsteen-Platte, ist eine Springsteen-Platte. Und „Wrecking Ball“ ist eine richtig gute Springsteen-Platte. Klar, monumentale Meisterwerke wie „Born To Run“, „Darkness On The Edge Of Town“ oder „Born In The USA“ schüttelt der „Boss“ nicht mehr einfach so aus dem Ärmel. Aber den Zug von „The River“, „Magic“ und „The Rising“ führt „Wrecking Ball“ locker an. Und das ist dann natürlich Jammern auf hohem Niveau, denn Bruce Springsteen kann viel, nur schlechte Platten aufnehmen kann er nicht. Ähnlich wie Bob Dylan seit 1997, mit „Time Out Of Mind“ beginnend, durch wunderbare Alterswerke entzückt, so hat sich Springsteen seit „The Rising“ auf seine Art auf einem gleichwertig hohen musikalischen Level eingependelt. Denn auch „Devils & Dust“, die „Seeger Sessions“ und „Working On A Dream“ sind zweifellos superbe Alben.

Bruce Springsteen und der Tod von Clarence Clemons

Nach dem letztjährigen Tod von „Big Man“ Clarence Clemons, Saxophonist der E-Street Band, Wegbegleiter Springsteens seit der ersten Platte „The Wild, The Innocent & The E Stree Shuffle“ und wahrscheinlich die wichtigste Bezugsperson in seinem musikalischen Umfeld, Freund und Schulter zum Anlehnen, fragte man sich schon, ob Springsteen sich eine Auszeit gönnt, um den Verlust zu verkraften. Oder mit einem nachdenklich-depressiven Werk wie weiland „Nebraska“ aufwarten würde. Aber nichts dergleichen. Der Mann aus New Jersey macht weiter, geht mit der E-Street Band auf Tour und knallt uns ein wunderbares, dynamisches und euphorisierendes Album um die Ohren.

Eine typische Springsteen-Hymne und viele Violinen

Schon „We Take Care Of Our Own“ weist den Weg der nachfolgenden 60 Minuten. Das Schlagzeug poltert, die Orgel jubiliert, eine dieser typischen Springsteen-Hymnen, die sofort ins Blut schießen. Überhaupt schient der Geist der aufgekratzten „Seeger Sessions“ über den Aufnahmen von „Wrecking Ball“ zu schweben. Sogar bei „Death To My Hometown“. Alles andere als ein erbaulicher Text, jedoch wird bei Springsteen die Heimatstadt unter Aufbietung von Fiddeln und Pauken feierlich zu Grabe getragen. Irisch angehaucht auch „Easy Money“, mit Violinen und überschwenglichem Frauenchor ausgestattet. Ähnlich soul-folkig geht es bei „Shackled And Drawn“ zu, bevor „Jack Of All Trades“ den Balladen-Bruce offeriert, inklusive lyrischer Trompete. „This Depression“ lauert, zum Sprungs bereit, eindringlich wie weiland „Empty Sky“.

Bruce Springsteen ist und bleibt der „Boss“

Der Titelsong „Wrecking Ball“ ist Eingeweihten in der Live-Version auf der Doppel-DVD „London Calling, Live in Hyde Park“ als letzter Bonus-Track bekannt. Die textlichen „hard times come“ werden voluminös mit Trompeten, Violinen und Chören untermalt. Wenn schon Rezession, dann feiern wir sie wenigstens. Und Clarence Clemons spielt Saxophon. „You’ve Got It“ zeigt die Soul-Blues-Seite von Springsteen und in „Rocky Ground“ verirren sich kurzfristig sogar HipHop-Töne. „Land Of Hope And Dreams“ sollte den Kennern seit „Live In New York City“ von 2001 und diversen darauffolgenden Konzerten bekannt sein. Wieder mit dem großartigen Clarence Clemons am Saxophon. Ein wunderbarer Song, der jetzt noch mehr schmerzt. „We Are Alive“ bedient sich leise bei „Ring Of Fire“, Banjo und Mandoline bedienen den kauzigen Country-Twang. Der erste Bonus Track „Swallowed Up (In The Belly Of The Whale)“ ist ein dunkler, unheimlicher Song, das genaue Gegenteil von „American Land“, ein Überbleibsel der „Seeger Sessions“, von Tanzwut und Partylaune nur so strotzend. Auf „Live In Dublin“ bereits verewigt, nun in einer nicht minder exaltierten Studioversion. Ein genialer Ausklang eines großartigen Albums, das mal wieder beweist: Bruce Springsteen ist und bleibt einfach der „Boss“.

„Wrecking Ball“ von Bruce Springsteen ist am 2.3.2012 bei Sony / Columbia erschienen

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