Catalin Dorian Florescu: Der Mann, der das Glück bringt – Roman

Catalin Dorian Florescu: Der Mann, der das Glück bringt – Roman

Ein Roman, der das Lese-Glück bringt

von Gérard Otremba

‚Das ist er ja, unser kleiner Caruso!‘, riefen die einen. ‚Da ist er, der Mann, der das Glück bringt!‘, die anderen. Zum großen Caruso wird es für den Mann, der das Glück bringt, nie reichen. Einen Hauch von Glück und Wehmut bringt er als Sänger im jugendlichen Alter letztendlich nur den im Prinzip unglücklich schwangeren Frauen im New York des Jahres 1899, die in einer Wohnung auf die Niederkunft warten, bevor ihnen die Babys nach der Geburt entzogen werden. Durchfüttern könnten sie sie nicht und eine Schande ist die Schwangerschaft erst recht. In den Stunden seines Gesangs bringt das namenlose Waisen- und Straßenkind, das sich als Zeitungsjunge und Schuhputzer durchs Leben schlägt und sich im New Yorker Ghetto den Iren als „Paddy“, den Italienern als „Pasquale“ und den Juden als „Berl“ vorstellt, diese armen Kreaturen zum Weinen und Lachen.

Ein wenig Aufmunterung können die gebeutelten Protagonisten gebrauchen, das Leid der Menschen im New York des ausgehenden 19. Jahrhundert ist mit jeder Zeile greifbar. Berls Hoffnung auf eine Gesangskarriere in den Vaudeville-Theatern jener Zeit endet endgültig durch einen privaten Schicksalsschlag im Jahre 1911. Sein Enkel Ray nimmt den Faden Jahrzehnte später wieder auf und tingelt mit dem Programm „Der Mann, der das Glück bringt“ als Kleinkünstler durch den Big Apple, in dem er die Künstler aus der Zeit des großen Houdini wieder aufleben lässt. Am berühmt-berüchtigten 11.09.2001 lernt er Elena kennen, die als Zeugin der Anschläge auf die Twin Towers in sein Theater flüchtet. Abwechselnd erzählen sie sich gegenseitig die Geschichte ihrer Ahnen, die zu ihrer eigenen wird. Elena stammt aus Rumänen, wo sie im Donaudelta als Kind von Leprakranken zu Welt kommt und ihre Eltern nie kennenlernt. Ihre Mutter wollte der dörflichen Einöde ihrer Heimat, wo in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts noch immer mittelalterlicher Aberglaube vorherrscht, immer gen Amerika entfliehen, die Krankheit jedoch verhinderte die Auswanderung.

Als Tote schafft sie die Überfahrt, Elena war auserkoren, die Asche ihrer Mutter in New York zu verstreuen, die Attentate kamen ihr dazwischen. Der Mann, der das Glück bringt von Catalin Dorian Florescu ist ein sprach- und bildgewaltiger Roman, der das Kopfkino anregt, von seiner zwar vielfach deprimierenden, aber berauschenden Atmosphäre lebt, die den Leser berührt, bewegt und fesselt. Der 1967 in Rumänien geborene und seit 1982 in der Schweiz lebende Florescu zeichnet ein detailreiches Panorama des 20. Jahrhunderts, mit zwei Orten im Mittelpunkt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber durch zahlreiche Gemeinsamkeiten verbunden sind. Ähnlich wie der „kleine Caruso“ den Schwangeren in New York das Glück bringt, ist es Catalin Dorian Florescu, der mit diesem Roman dem Literaturfreund des Lese-Glück bringt.

Catalin Dorian Florescu: „Der Mann, der das Glück bringt“, C.H Beck, Hardcover, 327 Seiten, 978-3-406-69112-6, 19,95 €.   

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