Cassandra Jenkins: My Light, My Destroyer

Cassandra Jenkins credit Pooneh Ghana

Ein neuer Stern am Singer-Songwriter-Himmel: Spätestens mit Album Nummer drei findet Cassandra Jenkins dort ihren verdienten Platz.

von Werner Herpell

Schon mit ihrem zweiten Album „An Overview On Phenomenal Nature” landete Cassandra Jenkins 2021 einen Volltreffer respektive Kritiker-Erfolg. Wer die Platte hörte, war hin und weg von diesem „finely crafted impressionistic ambient folk-pop“ (Allmusic), die Review-Plattform Metacritic sammelte 87 von 100 Punkten ein, Jenkins tauchte in diversen prominenten Jahresbestenlisten auf. Einziger Kritikpunkt: Der „Überblick über die phänomenale Natur“ war mit nicht einmal 32 Minuten arg kurz geraten.

Zwischen Folkrock und Art-Pop

Cassandra Jenkins My Light My Destroyer Albumcover

Jetzt also „My Light, My Destroyer“, die dritte Platte von Cassandra Jenkins – verbunden mit der bangen Frage, ob sie dem tollen

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Vorgänger etwas zumindest Gleichwertiges folgen lassen kann. Und, Spoiler: Ja, sogar mehr als das. Ein schöneres Singer-Songwriterinnen-Album zwischen Folkrock und Art-Pop ist in diesem Jahr kaum noch denkbar. Und etwas länger, ergiebiger als „An Overview…“ ist es auch.

Man muss sich nur die Liste der Musiker anschauen, mit denen die vor 40 Jahren in Brooklyn/New York geborene Jenkins schon auf der Bühne oder im Studio war, um den Stellenwert dieser Indie-Künstlerin zu begreifen: der angesagte Producer und Multiinstrumentalist Josh Kaufman (Bonny Light Horseman, Taylor Swift), die Singer-Songwriter Eleanor Friedberger, Craig Finn (The Hold Steady), David Berman (Silver Jews, Purple Mountains), Mitski und Courtney Barnett beispielsweise. Sound-Elemente all dieser Top-Leute finden sich auch auf „My Light, My Destroyer“. Und doch zeigt Cassandra Jenkins hier eine überragende individuelle Qualität.

Geschliffene Gesangs-Performance

Von Gitarrenrock, der gelegentlich an Neil Youngs raue Eruptionen mit Crazy Horse, aber auch an Tom Petty oder den Slacker-Sound der 90er erinnert („Clams Casino“, „Aurora, IL“, „Petco“), über experimentelle Interludes mit Spoken-Word- und Ambient-Anteilen („Shatner’s Theme“, „Attente Téléphonique“, „Hayley“), bis zu opulenten Balladen („Devotion“, „Omakase“, „Tape And Tissue“) reicht das Spektrum dieses dritten Jenkins-Albums. Dass die Amerikanerin mit ihrer so zurückhaltenden wie geschliffenen Gesangs-Performance bei jüngeren Singer-Songwriterinnen wie Natalie Mering (Weyes Blood), Tamara Lindeman (The Weather Station) oder Sarabeth Tucek, aber auch bei einer Folkpop-Ikone wie Aimee Mann andockt, schadet ebenfalls nicht.

Es ist schlicht ein Genuss, dieser sanften und doch markanten Stimme zuzuhören. Egal ob Jenkins nun mit einer Freundin zu jazzigen Klängen über den Sternenhimmel philosophiert („Betelgeuse“) oder in „Only One“ hymnisch das Wunder der solitären Liebe besingt (mit seiner traumverlorenen Mitternachts-Trompete schon jetzt einer der schönsten Songs des Jahres).

Cassandra Jenkins fasziniert von New York

Inhaltlich-textlich ist „My Light, My Destroyer“ – wie zuletzt das Doppelalbum „Joan Of All“ (2023) der bereits erwähnten, stilistisch vergleichbaren Sarabeth Tucek – eine stark von New York inspirierte Platte. Diese Metropole, ihre Geburts- und Heimatstadt, sei für sie „endlessly stimulating“, sagt Jenkins. Für die musikalische Umsetzung ihrer fortdauernden New-York-Faszination standen beispielsweise El Kempner (Palehound), Meg Duffy (Hand Habits), Katie von Schleicher, Daniel McDowell (Amen Dunes) sowie Josh Kaufman zur Verfügung.

Das Ergebnis ist – wie nun hinreichend angedeutet – brillant. Gut zehn Jahre nach der selbstbetitelten Debüt-EP legt Cassandra Jenkins mit „My Light, My Destroyer“ ihr Meisterstück vor.

Das Album „My Light, My Destroyer“ von Cassandra Jenkins erscheint am 12.07.2024 bei Dead Oceans/Cargo. (Beitragsbild von  Pooneh Ghana)

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