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7. Januar 2025Ausgewählte Interviews von Bruce Springsteen, ein „Fan“-Buch über den Boss sowie ein Essay-Band von Sven Regener
von Gérard Otremba
Nicolas Pethes: Springsteen – A Lifetime Conversation
Die „Lifetime Conversation“ bezieht sich auf die besondere Beziehung zwischen Bruce Springsteen und seinen Fans. Der Literatur- und Medienwissenschaftler Nicolas Pethes outet sich hier als bekennender Springsteen-Fan und eröffnet mit seinem Band die Reihe „Popgeschichte“ im Wallstein-Verlag. In seinem 200-seitigen Buch begibt sich Pethes auf die Spuren der identitätsstiftenden Funktion von Springsteens Musik. Dabei geht der 1970 geborene Autor sowohl auf zahlreiche Songs und Platten sowie auf die Konzerte das amerikanischen Superstars ein, der sich auch mit 75 Jahren enormer Beliebtheit erfreut und dessen Stadionauftritte in kürzester Zeit ausverkauft sind. Pethes erinnert zu Beginn an seine eigene Springsteen-Initialzündung mit dem „Born In The U.S.A.“-Album von 1984 und beleuchtet als aktuellsten Bezug Konzerte aus dem Jahr 2023, darunter der von Sounds & Books rezensierte „Boss“-Gig in Düsseldorf.
Nicolas Pethes, und offensichtlich viele andere Springsteen-Fans ebenfalls, begreift also die Popmusik als „eine bestimme Form der Kommunikation“. Davon ausgehend, bringt er die Faszination „Springsteen“ kongenial zwischen Fanschaft und populärwissenschaftlicher Analyse auf den Punkt. Einer Quintessenz der Beziehung zwischen Bruce Springsteen und seinen Fans gleicht Pethes‘ Fazit des Films „Springsteen And I“: „Springsteen wird als Künstler wahrgenommen, der seinem Publikum nicht nur ausgelassene Freude und euphorische Glückszustände, sondern auch lebensbegleitende Stabilität zu vermitteln vermag“. Volle Zustimmung hierfür und auch für Pethes‘ „Kern der Geschichte“, den jeder selbst erlesen darf. Dieses Buch ist ein Muss für alle Springsteen-Fans und ein fantastischer Auftakt für die „Popgeschichte“-Reihe des Wallstein-Verlags.
Nicolas Pethes: Springsteen – A Lifetime Conversation, Wallstein, Hardcover, 216 Seiten, 978-3-8353-5752-5, 20 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)
Bruce Springsteen: Born To Sing - Ein Leben in Gesprächen
„Oh, Trump wird verlieren. Das ist so gut wie sicher. Die entscheidende Frage ist jetzt: Auf welche Weise wird er verlieren? Ich befürchte, dass er auf eine sehr, sehr hässliche Weise verlieren wird“, sagte Bruce Springsteen in einem Interview mit Martin Scholz im Jahr 2016 für die Welt am Sonntag. Auch ein Bruce Springsteen kann sich mal irren (wie so viele damals) und die Zeit holt das Interview ein, Donald Trump hat bekanntlich acht Jahre später schon wieder gewonnen. Insgesamt sieben Interviews mit Bruce Springsteen aus verschiedenen Schaffenszeiten sind in „Born To Sing“ versammelt. Zwei weitere mit Martin Scholz aus den Jahren 1992 und 2016, darüber hinaus Gespräche mit anderen internationalen Kollegen aus den Jahren 1975, 1992, 1998 und 2006.
Interviews über seine Musik, seine langen Konzerte („Wir mussten jeden Abend auf die Bühne… Es war unsere Chance.“), sein Songwriting und literarische Vorbilder aber auch Interviews, in denen der Rockstar auf die Probleme Amerikas eingeht, die 1992 ähnliche waren wie heute. Und schon 1975 prognostizierte er seine eigene Live-Zukunft: „Ich kann mir keine Zeit vorstellen, in der ich nicht irgendwo auf der Bühne stehe und, Gitarre spiele du das laut, mit Kraft und Leidenschaft. Ich freue mich darauf, sechzig oder fünfundsechzig zu sein und genau das zu tun.“ Und wir freuen uns, dass Bruce Springsteen diese Live-Energie auch noch mit 75 Jahren an den Tag legt und empfehlen diesen Interview-Band.
„Bruce Springsteen: Born To Sing – Ein Leben in Gesprächen“, Kampa, übersetzt von Georg Deggerich und Cornelius Reiber, Hardcover, 176 Seiten, 978-3-311 14051-1, 22 Euro.
Sven Regener: Zwischen Depression und Witzelsucht: Humor in der Literatur
Mit dem Humor bei Sven Regener ist das so eine Sache. So offensichtlich in seinen Romanen, wie zuletzt 2021 im Roman „Glitterschnitter“, dass die Tragik häufig übersehen wird. Umgekehrt in seinen Texten für Element Of Crime, die oft so viel Lakonie ausstrahlen, dass der Witz (man denke nur an „Alle vier Minuten“ vom „Romantik“-Album) etwas zu kurz kommt. Darüber lässt sich der Berliner Songwriter und Romancier auf den ersten Seiten dieses schmalen Bändchens aus, das auf seinem Vortrag im Rahmen der Brüder-Grimm-Poetik-Professur an der Uni Kassel 2016 beruht. Dabei erklärt Sven Regener die Vorgehensweise bei seinen Romanen, zeigt die Schwierigkeiten von Genrebestimmungen auf, beschäftigt sich mit der Unterscheidung zwischen Humor und Witz und kommt zum Ergebnis: „Der Humor ist eine kalte Technik, herz- und mitleidlos. Es gibt keinen freundlichen Humor“.
Seine Ausführungen umspannen die Kunst sowie die literarischen Themengebiete der Tragödie und Komödie und reichen bis Shakespeare und Aristoteles. In der angehängten und im Text passagenweise zitierten Laudatio auf den Kollegen Frank Schulz für den Kasseler Grotesktumorpreis teilt Sven Regener den Humor in drei Kategorien (vereinfacht „in übel, in flach und in gut“) auf und zeigt die flexiblen Grenzen dieser Einordnungen. Obwohl „nur“ ein kurzer Essayband und somit eher ein Nebenwerk im literarischen Output Regeners, bleibt es eben ein Buch von Sven-Regener. Und die Bücher von Sven Regener sind immer pointiert, amüsant und witzig.
Sven Regener: „Zwischen Depression und Witzelsucht: Humor in der Literatur“, Galiani Berlin, kartoniert, 96 Seiten, 978-3-86971-310-6, 14 Euro.






