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19. Juni 2016Und wieder ein denkwürdiger Bruce Springsteen-Auftritt im Münchner Olympiastadion
von Gérard Otremba (Beitragsbild: Sony Music)
Nach gut einem Drittel des Konzertes hält Bruce Springsteen kurz inne und erinnert sich an seinen letzten Gig in München. Es war im Mai 2013 und es war wettertechnisch kein schöner Abend. „I frozen my ass“, resümiert Springsteen diesen für ihn und das Publikum denkwürdigen Auftritt. Es regnete, es windete, aber die tapfer ausharrenden Fans sind damals mit dem kompletten „Born In The U.S.A.“-Album belohnt worden. Immerhin, es war das einzige der vier Deutschland-Konzerte, bei dem er einer seiner berühmten Platten in gewohnter Albumreihenfolge spielte. Der 1984 veröffentlichte Megaseller Springsteens und München scheinen eine innige Verbindung einzugehen, denn auch am 17.06.2016 stehen immerhin noch sieben Songs seines Mainstream-Durchbruchs auf der Setlist, obwohl es die The River-Tour ist, doch hat Springsteen nur in den Staaten das Doppel-Album in voller Länge aufgeführt, in Europa weicht er von diesem Konzept ab.
Diesmal scheint Springsteen jedoch die Münchner Abendsonne ins Gesicht und auch die Temperaturen bescheren einen optimalen Open-Air-Genuss. An sechster Stelle spielt der 66-Jährige mit „No Surrender“ das erste Born In The U.S.A.-Stück dieses Abends, im zweiten Anlauf klappt es auch, Bruce Springsteen und seine E Street Band sind da schon längst im Rausch, beginnen das erste von zwei Deutschlandkonzerten (am Sonntag gastiert der Tross im Berliner Olympiastadion) als ob es kein Morgen für sie gäbe. Um 19.10 Uhr betreten „The Boss“ und seine Band die Bühne des Olympiastadions, Springsteen stürzt sich sofort ins das langgezogene Gitarren-Intro von „Prove It All Night“, dann noch das Saxaphon-Solo von Jake Clemons und das Gitarren-Solo vom alten Piraten und Zeremonienmeister Steven Van Zandt und die Menge steht Kopf.
Von der ersten Minute an entfacht Springsteen einen sagenhaften Furor, lässt ein gewohnt dynamisches „Badlands“ folgen, setzt also zwei seiner zehn besten Karrieresongs an den Konzertanfang. Die enorme Schlagzahl wird mit „Out On The Streets“, „Sherry Darling“ und „Two Hearts“ gehalten, bei „Hungry Heart“ umkurvt Bruce Springsteen den Front-Of-Stage-Bereich und beehrt die „zweite“ Reihe mit seiner Anwesenheit. Längst wird der Mann aus New Jersey von seinen Fans kultig verehrt, alle in den ersten Reihen wollen einen Abklatscher, und davon verteilt der „Boss“ jede Menge. Der Star zum Anfassen. Der Star, der den Rock’n’Roll live wie kein anderer lebt. Der nach dem Partykracher „You Can Look (But You Better Not Touch)“ den ernsten Stampfer „Death To My Hometown“ vom Wrecking Ball-Album offeriert und anschließend das todtraurige und immer noch zutiefst bewegende „My Hometown“ spielt.
„Johnny 99“ erschallt im Honky Tonk-Rhythmus, Roy Bittan darf sich am Piano auszeichnen, Soozie Tyrell an der Geige. Den brachialen Rocksongs „Youngstown“ und „Murder Incorporated“ lässt Springsteen ein anrührende „The River“-Fassung folgen, bevor „American Skin (41 Shots)“ einem wieder eindringlich an die immer wieder aktuelle amerikanische Waffengewalt mahnt. Mit „The Promised Land“ biegen Springsteen, Bassist Garry Tallent, Drummer Max Weinberg, die Gitarristen Steven Van Zandt und Nils Lofgren, Pianist Roy Bittan, Saxophonist Jake Clemons, Keyboarder Charles Giordano und Geigerin und Gitarristin Soozie Tyrell auf die Zielgerade. Die große Party geht mit „Working On The Highway“, „Darlington County“ und „Waitin‘ On A Sunny Day“ (selbstverständlich darf hier ein kleines Mädchen unter dem tosenden Applaus des Publikums auf die Bühne und den Text trällern) weiter, wird kurz von einem sexy „I’m On Fire“ unterbrochen, erfährt einen enthusiastischen Höhepunkt mit „Because The Night“ (immer noch übertrifft sich Nis Lofgren beim Gitarren-Solo selbst, aber auch er wird älter und verzichtet auf drei, vier Drehungen) und endet mit der Power von „The Rising“, einem abgeklärten „Thunder Road“ und dem elegischen und natürlich auch pathetischen „Land Of Hope And Dreams“.
Bruce Springsteen und die E Street Band verlassen erst gar nicht die Bühne und machen nach einem stürmischen Fan-Applaus sofort mit „Born In The U.S.A.“ weiter (immer noch ein wahnsinnig wichtiger Amerika-kritischer Song, von so vielen aber leider immer noch missverstanden), feiern „Born To Run“ stilecht ab, suhlen sich in „Seven Nights To Rock“, euphorisieren mit „Dancing In The Dark“, gedenken den toten Bandmitgliedern Clarence Clemons und Danny Federici in „Tenth Avenue Freeze-Out“und knallen den Fans ein circa 10-minütiges, orgiastisches „Shout“ (genau, der alte mit Lulu berühmt gewordene Pop-Klassiker von The Isley Brothers) um die Ohren, dass sie Tanzbeine nur so fliegen. Mit einer Akustik-Version von „For You“ beschließt Bruce Springsteen ein weiteres denkwürdiges Konzert. 31 Songs in drei Stunden und zwanzig Minuten. München hat vorgelegt, Berlin muss sich morgen strecken.




