Bruce Springsteen: Letter To You – Albumreview

Bruce Springsteen: Letter To You – Albumreview

Gemeinsam mit der E Street Band macht Bruce Springsteen „Letter To You“ zu seinem besten Album seit „The Rising“

Nur ein Jahr nach „Western Stars“ legt Bruce Springsteen mit „Letter To You“ nach. Diesmal war wieder einmal die E Street Band mit von der Partie, also Roy Bittan, Nils Lofgren, Patti Scialfa, Garry Tallent, Stevie Van Zandt, Max Weinberg, Charlie Giordano und Jake Clemons. Die besondere Beziehung zwischen Springsteen und der E Street Band erweist sich erneut als Glücksfall für die Rockmusik und katapultiert „Letter To You“ zum besten „The Boss“-Album seit „The Rising“ von 2002. Neun neue und drei alte, aber bislang unveröffentlichte und neu aufgenommene Songs befinden sich auf dem nunmehr 20. Studioalbum des mittlerweile 71-jährigen Rockstars aus New Jersey.

Drei alte, bisher unveröffentlichte Songs als Filetstücke des Albums

Bruce Springsteen Letter To You Cover Columbia Records

Einerseits sind die drei in den frühen 70ern geschriebenen Songs leicht erkennbar, andererseits passen sie sich perfekt den neuen an. „Janey Need A Shooter“, „If I Was The Priest“ und „Song For Orphans“ sind zwar die Filetstücke der Platte, doch fallen fast alle anderen Tracks nicht wirklich ab. Aber die Stärke des Albums deutete sich im Vorfeld bereits an. War der zunächst als Vorabtrack ausgekoppelte Titelsong eine souveräne Single-Leistung in Sachen Rock’n’Roll-Romantik, erreichte der Überwältigungsstatus im bei Sounds & Books als Song des Tages vorgestellten „Ghosts“ das größtmögliche Springsteen-Level. Klirrende Gitarren, treibend-trockene Drums, schwungvolle „Lalala“-Chöre, eine schillernde Orgel, ein spielerischen Piano und ein mitreißendes Saxophon. „I’m alive and I’m coming home“ heißt es im Chorus, und die zarte Verheißung dieser Zeilen erfüllt Bruce Springsteen auf dem ganzen Album mit Leben. „Ghosts“ ist an zehnter Stelle des Albums platziert, eignet sich indes als bravouröser Opener für Springsteens Postcorona-Konzerte.

Bruce Springsteen und die Stadionrockhymnen

Stadionrockhymnen findet man auf „Letter To You“ en masse, das allerdings mit dem akustischen „One Minute You’re Here“ beginnt, wo Springsteen ganz leise und eindringlich, bewegend und erhaben über Verlust, Einsamkeit und Heimkehr singt. Es folgt der Titeltrack und ab dem anschließenden „Burnin‘ Train“ gibt es für Springsteen und E Street Band kein Halten mehr. Glockentöne leiten das galoppierende Feuerwerk von „Burnin‘ Train“ ein, das mit Gitarrenläufen aus der „Darkness On The Edge Of Town“-Phase aufwartet. Wer spätestens an diesem Moment keine Gänsehaut verspürt, hat Springsteens Musik nie verstanden. Kolossal ragt dann „Janey Needs A Shooter“ in den Himmel, ein knapp siebenminütiges Lied, das wie ein vergessenes „Darkness“-Outtake wirkt und sich jederzeit mit den mächtigen Monolithen dieser Zeit wie „Something In The Night“, „Racing In The Street“ und eben „Darkness On The Edge Of Town“ messen kann, Mundharmonika-Solo inklusive.

Ein großes Bruce-Springsteen-Fest

Genauso intensiv agiert Amerikas Rockstar Nummer 1 im orgelinfizierten „If I Was A Prayer“, ein weiterer brachialer Siebenminüter aus Springsteens Frühphase. Und wer wissen will, warum der 1949 geborene Musiker in den frühen 70ern als nächster Bob Dylan aufgebaut werden sollte, muss sich nur mal „Song For Orphans“ anhören. Näher kam dem Meister als Duluth weder der “Boss“ noch sonst irgendjemand, nicht allein aufgrund des Mundharmonikaspiels. Natürlich macht sich Springsteen die Dylan-Attitüde zu eigen und geht als er selbst in ihr auf. Einfach phänomenal. „Letter To You“ entpuppt sich wahrlich als ein großes Bruce-Springsteen- und The-E-Street-Band-Fest.

Ein Album ohne Fehl und Tadel

Dazu trägt die Präsenz von Roy Bittan am Piano auf fast allen Songs und besonders markant in der Eröffnung des feierlichen „The Power Of Prayer“ sowie des wehmütigen „House Of A Thousand Guitars“ ebenso bei wie das zündende Saxophon von Jake Clemons in „Last Man Standing“ und „The Power Of Prayer“. Man ist schon nach dem ersten Hören des Albums völlig angefixt, das Material – sobald Corona es irgendwie nur zulässt – live hören zu müssen. Eine Platte ohne Fehl und Tadel, selbst das stampfende „Rainmaker“ reißt einen mit und am Ende liegen sich alle zum hymnisch-sehnsüchtig-schmachtenden „I’ll See You In My Dreams“ in den Armen. Besser und schwelgerischer kann ein „Alterswerk“ von Bruce Springsteen und The E Street Band nicht geraten.

„Letter To You“ von Bruce Springsteen erscheint am 23.10.2020 bei Columbia Records / Sony Music. (Beitragsbild von Danny Clinch)                             

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Bruce Springsteen - Letter To You (Official Video)

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