Brother Grimm: Home Today, Gone Tomorrow – Albumreview

Brother Grimm: Home Today, Gone Tomorrow – Albumreview

Galant-hörbare Klangkunst aus der Anderswelt

„Albträume in Fuckmoll“. So beschreibt das junge Berliner Label Noisolution seinen Musiker Brother Grimm auf der hauseigenen Künstlerseite. Klingt erstmal eher wie die Ankündigung zu einem dystopischen David Lynch-trifft-Rob-Zombie-Stelldichein. Die Beschreibung macht gleichwohl neugierig auf mehr. Der Name des Musikers ist persönlicher Natur, denn dahinter steckt tatsächlich der in Berlin ansässige Dennis Grimm. Seine Musik entführt den Hörer in eigene Welten, die zwischen bedrohlichen, dumpfen Gitarrenriffs und melancholischen Klangwellen von der realen Welt irgendwie verrückt scheinen.

Das erste Album des Künstlers „King For A Day Cool For A Lifetime“ erschien 2016 und gilt in vielen Kreisen seitdem bereits als heißer Geheimtipp. Der Grund ist einleuchtend: Brother Grimm ist in der deutschen Musiklandschaft ein Künstler mit beeindruckenden Charisma und noch größerem Talent, der mit seiner als „Geisterhausblues“ betitelten Musik einen sofort gefangen nimmt und in eine Grimm’sche Anderswelt entführt.  Nun erscheint das acht Songs starke, zweite Album des bärtigen Singer-Songwriters mit dem Titel „Home Today, Gone Tomorrow“. Der gleichnamige Track zum Albumnamen dauert übrigens ganze 11:00 Minuten und bewegt sich irgendwo zwischen Messe und LSD-Trip.  Dennis Grimm ist auf dem Neulingswerk seinem Stil treu geblieben. Die Songs sind ruhig, beginnen oft mit einem lauen Lüftchen, entfalten sich bis hin zu einem Orkan hoch komplexer, transzendenter Emotionalität.

Die Musik erzählt dabei eine Geschichte aus sich selbst heraus, wie z.B. bei dem Song „Still Afraid Of Germany“, der minimalistischen Sing-Sang mit nachdrücklichen Gitarrenkompositionen verbindet. Die Lyrics erscheinen in diesem Kontext fast zweitrangig. Die Stimme des Berliners ist trotzdem immer das Sahnehäubchen und zeichnet sich in jeder Note durch enorme Kraft aus. Traurig bis zornig, präsentiert sie sich manchmal als einzige Konstante der Arrangements und erinnert in der Eindringlichkeit an Gesänge eines Voodoo-Priesters. Versuche der Einordnung des Stils von Brother Grimm irgendwo zwischen Mogwai und The Blues Band sind verständlich und in Teilen nahliegend. Dennoch erfassen auch diese Vergleiche nicht die Komplexität des Werkes Dennis Grimms. Vielmehr sind sie der vorsichtige Versuch, den Musiker einem Genrebegriff zuzuordnen, um sein Oeuvre zu klassifizieren.

Die Wahrheit aber liegt bekanntlich immer irgendwo dazwischen. Meint man Ähnliches schon gehört zu haben, zerschmettert Grimm das wohlige Gefühl des Wiedererkennens direkt wieder mit einem Stilwechsel, den man in dieser Form noch nicht vernommen hat. Die Gangart der Songs, die man zu Beginn vielleicht als schwere Kost bezeichnen mag, entfaltet eine ganz eigene Magie und ist dabei immer ganz in sich selbst geschlossen. Eines ist bei „Home Today, Gone Tomorrow“ als Gesamtwerk ganz sicher: wohl klingende, galant-hörbare Klangkunst, in Musik eingefangene kraftvolle Augenblicke, die ganz eigene Geschichten schreiben und unbedingt zu hauseigenen Plattensammlung gehören sollte.

„Home Today, Gone Tomorrow“ von Brother Grimm erscheint am 26. Januar 2018 bei Noisolution.

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