Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

Ein fesselndes Familien- und Gesellschaftspanorama der amerikanischen Autorin Brit Bennett  

Nach vierzehn Jahren kehrt Desiree Vignes in ihre Heimatstadt Mallard zurück. Die Bewohner der Kleinstadt in Louisiana sind seit der Gründung Schwarze mit hellerer Haut und bestrebt, von Generation zu Generation immer hellhäutiger zu werden. Umso skandalöser, dass die nun 30-Jährige Desiree eine dunkelschwarze Tochter an ihrer Hand führt. Gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Stella verließ sie 1954 im jugendlichen Alter von 16 Jahren in einer Nacht- und Nebelaktion Mallard in Richtung New Orleans. Nur ein Jahr später trennten sich die Wege der zuvor als unzertrennlich geltenden jungen, in einer direkten Verwandtschaft mit dem Stadtgründer stehenden Frauen,  die in ihrer Kindheit den von Weißen verübten Mord an ihrem Vater mitansehen mussten.

Das Leben in der Angst, enttarnt zu werden

Brit Bennett Die verschwindende Hälfte Cover Rowohlt Verlag

Während Desiree einen Schwarzen ehelicht, „den dunkelsten Mann, den sie finden konnte“, und 1968 vor seinen Schlägen in das früher verhasste Mallard flüchtet, bricht Stella vollständig mit ihrer Vergangenheit. Sie überschreitet eine Grenze und gibt sich fortan als Weiße aus, eine Entscheidung, die ihr ein zukünftiges Wohlstandsleben bescherte, nachdem sie ihren Chef geheiratet hat. Der Preis für Freiheit und Sicherheit in der Welt der Weißen indes ist hoch. Stella verzichtet auf jeglichen Kontakt mit ihrer Familie und lebt in der Angst, enttarnt zu werden, in der Angst, ihr Konstrukt aus Lügen könne vor ihrem Mann und ihrer Tochter Kennedy ans Licht geraten. Und wird trotz Suchaktionen nie aufgespürt.

Die afroamerikanische Autorin Brit Bennett, der bereits mit ihrem an dieser Stelle von uns vorgestellten Debütroman „Die Mütter“ ein veritabler Bestsellererfolg in den USA gelang, hat die Geschichte der ungleichen Schwestern mit einer auktorialen Erzählstimme geschrieben, mit der sie sowohl zwischen den Zeitebenen springt als auch geschickt mit zwischen den Perspektiven einzelner Figuren wechselt und für den einen und anderen Cliffhanger sorgt.

Brit Bennett: Eine Bereicherung für die Weltliteratur

Bennett entwirft so ein stets fesselndes Familien- und Gesellschaftspanorama von den End-30ern bis zu den End-80ern. Behutsam und empathisch  fallen die Charakterisierungen ihrer weiblichen Hauptprotagonisten Desiree, Stella, Kennedy und Jude aus, für die sich die 30-jährige Schriftstellerin die nötige Zeit lässt. Desirees Tochter Jude bleibt es vorbehalten, zum Bindeglied zwischen Mutter und Tante zu werden. Das Schicksal lässt Jude in ihrer Studentenzeit in Los Angeles auf Stella und Kennedy prallen, eine Begegnung, die zwar Stellas gesamten Befürchtungen nicht wahr werden lässt, das Leben der vier Frauen jedoch nachhaltig verändert. „Nichts war so einfach, wie man es gern hätte“, erkennt Jude während des kurzen Gesprächs mit Stella. In der komplizierten Familienkonstellation der Vignes schon mal gar nicht.

Die Leser dieses vorzüglichen Romans, der Themen wie Identität, Rassismus, Verlust, Angst und Scham unaufgeregt, aber nachdrücklich behandelt, können sich indes einfach am eloquenten Erzählstil Bennetts erfreuen. Auch der zweite Roman von Brit Bennett ist eine Bereicherung für die Weltliteratur.

Brit Bennett: „Die verschwindende Hälfte“, Rowohlt, übersetzt von Isabel Bogdan und Robin Detje, Hardcover, 416 Seiten, 978-3-498-00159-9, 22 Euro. Beitragsbild von Emma Trim)

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