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31. Juli 2024Man kommt kommt kaum drum herum, beim Sound dieser Band an Morrissey und The Smiths zu denken. Aber Brigitte Calls Me Baby machen das richtig gut.
von Werner Herpell
Ach, war das schön, als man die großartige Crooner-Stimme von Morrissey noch ganz unvoreingenommen hören konnte – damals während seiner Zeit als Frontmann von The Smiths in den 1980ern und auch danach noch eine Weile, in herrlichen Solo-Schmachtfetzen wie „Everyday Is Like Sunday“ oder „Hold On To Your Friends“. Aber irgendwann äußerte der Exzentriker seltsame politische Ansichten, die man gar als rassistisch werten konnte, fand auch den Brexit und andere rechtspopulistische Exzesse in seinem Königreich gut, schwurbelte unermüdlich weiter – und machte darüber hinaus auch noch mittelmäßige Alben. Man wandte sich frustriert ab. Kürzlich wurde Morrissey 65, das weit verbreitete Schweigen war beredt.
Rettung für enttäuschte Morrissey-Fans
Warum ich das hier so ausführlich als kaum verborgenes Bashing darlege? Weil für alle von Morrissey Enttäuschten jetzt Rettung naht. Und die kommt aus
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Chicago, ist eine fünfköpfige Band und heißt (warum auch immer) Brigitte Calls Me Baby (BCMB). Deren Debütalbum „The Future Is Our Way Out“ macht Hoffnung, dass zumindest der Sound und die stimmliche Anmutung der zweifellos hochverdienten englischen Indie-Ikone in die Gegenwart gerettet werden können. „Brigitte Calls Me Baby versetzen ihren sehnsüchtigen Gitarrenpop mit morbider Romantik. Ihr Debütalbum trifft für alle Smiths-Fans ins Schwarze, die genug von Morrissey haben“, schrieb kürzlich sehr zutreffend ein „Visions“-Kollege.
Wenn BCMB-Leadsänger Wes Leavins mit prächtigem Gesang, der auch Roy Orbison oder Martin Rossiter von den Smiths-Epigonen Gene evoziert, nun also „I Wanna Die In The Suburbs“ schmettert, denkt man unwillkürlich an eine legendäre Textzeile und die damit verbundene Morrissey-Grandezza zurück: „And if a double-decker bus/crashes into us/to die by your side/is such a heavenly way to die.“ Ja, das waren The Smiths zu ihren besten Zeiten, im unsterblichen „There Is A Light That Never Goes Out“. Und Leavins, der in Texas geboren wurde (also in jeder Hinsicht ziemlich weit weg von Manchester), traut sich, sein Lied so sehnsüchtig und melodramatisch zu performen, als wäre es von den Schmidts.
Brigitte Calls Me Baby meistern den Spagat
Ähnlich toll klingt der Opener und Titelsong. Bei anderen Stücken des teilweise im RCA Studio A in Nashville mit dem neunfachen Grammy-Preisträger Dave Cobb (u.a. Jason Isbell, Sturgill Simpson) aufgenommenen Albums werden neben 1980s-Gitarrenpop auch Einflüsse von Postpunk (The Chameleons) oder aktuellerem Alternative-Rock (The Strokes) hörbar. Sänger Leavins, die Gitarristen Jack Fluegel und Trevor Lynch, Bassist Devin Wessels und Schlagzeuger Jeremy Benshish lösen sich bei diesem Spagat aber hinreichend von den Vorbildern, so dass man ihren „poetischen Meditationen über Sehnsucht, Angst und die Komplexität der Vergänglichkeit“ (so das Label ATO) gern zuhört, ohne Brigitte Calls Me Baby als schnöde Nachahmer abzutun.
Während die Herkunft des Bandnamen noch im Dunkeln bleibt, wird die Wahl des Albumtitels mit einem Satz begründet, den Leavins „als Teenager impulsiv auf ein weißes T-Shirt gekritzelt hatte und den er im Laufe der Jahre immer wieder aufgriff“. Aha. Spätestens wenn die Band mit dem Closer „Always Be Fine“ bei der aufrichtigen Roy-Orbison-Verehrung eines Richard Hawley andockt, hat man sich ein bisschen in das zwischen den 1950ern und der Jetztzeit schwebende Songwriting von Brigitte Calls Me Baby verliebt. Schöne Platte – nicht nur für genervte Morrissey-Verehrer.
Das Album „The Future Is Our Way Out“ von Brigitte Calls Me Baby erscheint am 02.08.2024 bei ATO Records. (Beitragsbild von Scarlet Page)





