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26. Oktober 2024Saxophon-Koloss Branford Marsalis und sein Quartett spielen mit ungarischen Musiker:innen Volksmusik. Was abenteuerlich klingt, geht voll auf. Es sollte ein magischer Abend werden.
von Sebastian Meißner
Wenn Branford Marsalis in die Stadt kommt, ist das ein Pflichttermin. Der inzwischen 64-Jährige ist nicht weniger als eine Legende, die mit seinem hochkarätigen Quartett immer neue Wege geht und zu überraschen weiß. Dabei hat Marsalis immer wieder auch die Grenzen in andere Genres überschritten und zum Beispiel Klassik und Pop in seine Arbeit integriert.
Die erste Hälfte ist Branford Marsalis pur
Am 24.10.2024 in der ausverkauften Elbphilharmonie zeigte er zusammen mit Pianist Joey Caldarazzo, Bassist Eric Revis und Drummer Justin Faulkner erneut seine Vielseitigkeit und spielte gemeinsam mit sieben Musiker:innen aus Ungarn osteuropäische Folkmusik. Die erste Hälfte des Konzerts bestritt das Quartett noch alleine, spielte drei eigene Kompositionen, in denen es einerseits sein Händchen für traumwandlerische Melodien und andererseits die Wucht der freien Improvisation einsetzte. Schon da riss es das Publikum von den Sitzen. Vor allem der scheinbar mühelos Wechsel in Dynamik und Krafteinsatz begeisterten.
Bescheiden am Bühnenrand
Im zweiten Set dann das große Besteck. Branford Marsalis ist ein großer Freund alter Musik, die mal 50, mal 500 Jahre alt ist. In der ungarischen Folkmusik fand er nun seinen neuen Anker. Bewegend zu sehen war vor allem, mit wie viel Respekt und Demut die Truppe aus New Orleans dieser Musik und den sie begleitenden Musiker:innen entgegenbrachten. Marsalis überließ die Bühnenmitte den Ungari:innen, platzierte sich selbst an den Rand, schloss bei den Soli seiner Bühnennachbarn immer wieder die Augen und tauchte tief ein in die mal melancholischen, mal lebensfeiernden Stücke. Soma Salamon am Akkordeon und an der Flöte sowie Miklos Kiraly an der Violine heimsten besonders viel Szeneapplaus ein, wenn sie zu einem der zahlreichen ausufernden Soli ansetzten. Balas Szokolay Dongo spielte eine ungarische Version des Dudelsacks und gab der Musik so eine selten gehörte Färbung.
Standing Ovations
Das Projekt, das auf Anfrage des Budapester Konzerthauses Müps 2019 ins Leben gerufen wurde, zeigte deutlich, wie eng verwandt europäische Folklore und amerikanischer Jazz aus dem Mississippi-Delta sein können. Die Verschmelzung gelang mühelos und die Stücke atmeten so ganz neues Leben und wuchsen über ihre eigentliche Bedeutung hinaus. Uns so war es ein bemerkenswertes und rundherum bezauberndes Konzert des Brückenschlags und des Schulterschlusses. Musik ist universell. Branford Marsalis ist eine ihrer wichtigsten Botschafter.
(Beitragsbild: Branford Marsalis Quartet by Eric Ryan Anderson)




