Bov Bjerg: Auerhaus – Roman

Bov Bjerg: Auerhaus – Roman

Das Auerhaus, ein Ort der Träume und Ideale

von Gérard Otremba

Nachdem der Song „Our House“ von Madness Ende 1982 erschienen war, gehörte er fortan auf jedes vernünftige Mix-Tape und wurde zu allen passenden oder unpassenden Gelegenheiten gesungen. Einer dieser immer präsenten Hits der Popgeschichte, der einige Jahre später auch von den Bewohnern einer Schüler-Wohngemeinschaft eines Dorfes in der schwäbischen Provinz immer noch gehört wird. Da jedoch die Nachbarn des Englischen nicht so wirklich mächtig sind, verstehen sie nur „Auerhaus, aha. Auerochse, Auerhaus“. Und schon hat das alte Bauernhaus, in dem sich die kurz vor dem Abitur stehenden Freunde Frieder, Cäcilia, Vera und der Ich-Erzähler Herr Höppner einquartieren, einen hübschen Namen.

Es sind vier sehr unterschiedliche Charaktere, die sich im Auerhaus versammeln: Frieder, dem der Psychiater nach einem Suizidversuch nahelegte, nicht mehr bei seinem Eltern zu wohnen, die aus einem reichen Elternhaus stammende Cäcilia, die Kleptomanin Vera und der sich vor der Musterung drückende Herr Höppner. Wenig später stoßen noch die schöne Brandstifterin Pauline, die Frieder während eines Psychiatrieaufenthaltes kennenlernte und der schwule Elektrikerlehrling, Kiffer, Dealer und Stricher Harry hinzu. Die vier gehen zwar weiter zur Schule, bilden jedoch eine Bastion der Unangepasstheit und leben ein in der Gesellschaft integriertes Aussteigerdasein.

Sie fühlen sich frei und unbeschwert, feiern ein riesige Silvesterparty mit der gesamten Oberstufe, der halben psychiatrischen Abteilung und einem Großteil der Schwulenszene zwischen Stuttgart und Paris und begrüßen das neue Jahr mit „The Final Countdown“ von Europe. Das teils improvisierte und selbstgewählte Erwachsenenleben im Auerhaus dauert nur ein Jahr, aber es ist ein intensives und prägendes Jahr für alle Protagonisten. Der 1965 geborene Autor und Kabarettist Bov Bjerg erzählt die Geschichte vom Auerhaus in einer stilistisch einfachen, dem Alter der Figuren angepassten Sprache. Er changiert geschickt zwischen Witz (bis hin zur Groteske) und großer Melancholie. Der Kollege Thomas Brasch wünscht sich den Roman Im Frühling sterben von Ralf Rothmann völlig zu Recht als Schullektüre und dekliniert diesen als „Literatur für die Jugend“. Eine Literatur für die Jugend und für jedes andere Alter auch, verkörpern sowohl der neue Rothmann-Roman, als auch Auerhaus von Bov Bjerg und sind beide als Schullektüre prädestiniert.

Tschick von Wolfgang Herrndorf hat es bereits in die Schulklassen geschafft und irgendwo zwischen Tschick, den Sven Regener-Romanen und Salingers Fänger im Roggen erhält Auerhaus seinen Platz in meinem literarischen Kanon und erhält dadurch mit die höchsten Weihen. Bekanntlich möchte Ralf Rothmann den Deutschen Buchpreis nicht gewinnen, vielleicht erhöht dessen Absage die Chancen für ein Außenseiterbuch wie Auerhaus von Bov Bjerg, wünschenswert wäre es. Wie dem auch sei, das Auerhaus verkörpert einen Ort der Träume und Ideale und diesen Ort wünsche ich vielen Lesern und nachkommenden Generationen. Und jetzt muss ich in meinen Mix-Kassetten aus den 80ern wühlen, auf einer von ihnen befindet sich mit Sicherheit „Our House“ von Madness.

Bov Bjerg, „Auerhaus“, Blumenbar Verlag, Hardcover, 978-3-351-05023-8, 18 €.

Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.