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24. April 2018Das Nürnberger Publikum feiert Bob Dylan
Die Zeiten der großen Überraschungen bei Bob Dylan-Konzerten sind vorbei. Die Zeiten, in denen der 76-jährige Songwriter aus Duluth, Minnesota, Abend für Abend seine Setlist umkrempelte, ebenfalls. Das Programm steht und nur unwesentliche Veränderungen zur letztjährigen Tour, die Sounds & Books beim Konzert in Hamburg beobachtete, baut Daylan am 22.04.2018 in der ausverkauften Nürnberger Frankenhalle ein. Eine der wichtigsten ist gleich zu Beginn des pünktlich um 20 Uhr mit „Things Have Changed“ eröffneten Konzertes zu hören.
Der alte Klassiker „Don’t Think Twice, It’s All Right“ swingt in der neuen Version sanft durch die Halle, Dylans Gesang ist bei diesem Stück in Leonard Cohen-Tiefen angekommen. Bob Dylan macht es sich im positiven Sinne gemütlich hinter seinem Piano, mal stehend, mal sitzend, seine kongeniale Band mit Tony Garnier am Bass, den Gitarristen Charlie Sexton und Stu Kimball sowie Donnie Herron an der Pedal Steel und Schlagzeuger George Receli ist schnell im Flow und „Highway 61 Revisited“ rollt majestätisch daher.
Auf rockige Momente verzichten Dylan und seine fünfköpfige Band fast vollständig. Lediglich bei „Honest With Me“ lassen sich die Herren auf ein beherztes Stück Rock’n’Roll ein und frönen dem Blues-Rock in „Early Roman Kings“, während „Thunder On The Mountain“ im Boogie-Roll-Gewand vorwärts galoppiert. Zu einer liebreizenden Performance lässt sich Dylan bei „Simple Twist Of Fate“ hinreißen, die hier eingeschlagene Melancholie überbietet er nur noch in den todtraurigen „Frank Sinatra„-Stücken „Melancholy Mood“, „Come Rain Or Come Shine“ und „Autumn Leaves“.
Die Sintra-Alben spalteten bekanntlich mal wieder seine Fangemeinde, in Nürnberg erhält Bob Dylan, wie allen negativen Kritiken zum Trotz, bereits bei den ersten Takten dieser Coverversionen aufmunternden Applaus. Es ist aber auch absolut hörenswert, wie er aus jeder Note noch die letzte Träne herauszupressen vermag. Faszinierend bei Dylans Live-Darbietungen sind natürlich immer wieder und immer noch die Rhythmus- und Arrangementwechsel im Vergleich zu älteren Bühnenfassungen. „Tangled Up In Blue“ wird vom Literaturnobelpreisträger des Jahres 2016 Jahr für Jahr gerne mit neuen Ideen jung gehalten, in Nürnberg bekommen die Fans eine der bislang wohl improvisiertesten Fassungen geboten. Ähnlich wie in Hamburg vor fast genau einem Jahr, zählt „Desolation Row“ zu den Gewinnern des Abends, diesmal zwischen Zurückhaltung und Feuerwerk changierend.
„Pay In Blood“ bleibt geheimnisvoll, jedoch nicht so fies, wie bereits auf anderen Dylan-Konzerten vernommen. Auch das dunkle „Love Sick“ bleibt distanziert, schöpft aber daraus neue Kraft. Zum Schluss verlässt Bob Dylan nochmal, wie sonst nur zu den „Sinatra“-Songs, sein Piano und croont in der Mitte der im gedämmten Abendlicht gehaltenen Bühne der Frankenhalle noch ein herzergreifendes „Long And Wasted Years“. Die erste Zugabe „Blowin‘ In The Wind“ beginnt mit dem sehnsüchtigen Geigenspiel Donnie Herrons aus dem Dunkel und endet mit Sextons und Kimballs strahlenden Gitarrenlicks. Am Ende steht ein düsteres und souveränes „Ballad Of A Thin Man“ und nach gut 105 Minuten verbeugt sich der Meister vor seinem Publikum und wird völlig zu Recht für dieses Konzert gefeiert.
(Beitragsbild: Bob Dylan, Pressefoto Karsten Jahnke GmbH, Sony Music)




